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Axel Ulrich
Kampf gegen Hitler
Zum politischen Widerstand gegen das NS-Regime im Rhein-Main-Gebiet
Die allgemeine öffentliche Rezeption des gegen das "Dritte Reich"
geleisteten Widerstandes reduziert sich noch immer weitgehend auf die
Flugblattpropaganda der "Weißen Rose" sowie die Neuordnungsdiskussionen
des überparteilichen "Kreisauer Kreises", auf manche Oppositionsbekundung
aus dem kirchlichen Bereich und besonders auf den im Zusammenhang mit
dem "20. Juli 1944" entfalteten Widerstand aus dem Militär
sowie dem konservativen und liberalen Bürgertum, ergänzt höchstens
noch durch Verweise auf die Beteiligung angeblich nur einiger weniger
Sozialdemokraten und Gewerkschafter an jener Verschwörung. Seit einiger
Zeit ist zudem der glaubensbedingte Widerstand der Zeugen Jehovas verstärkt
in den Blickwinkel gerückt. Gleiches gilt für den Attentatsversuch
Georg Elsers auf Hitler vom 8. November 1938, wobei wiederum nur Fachleuten
bekannt sein dürfte, dass während der gesamten NS-Zeit mehr
als 40 solcher Anschläge auf den Diktator vorbereitet und dann doch
nicht durchgeführt wurden oder sonst wie gescheitert sind. Vor allem
der von den 1933 illegalisierten Organisationen der Arbeiterbewegung ausgehende
antinazistische Widerstand, der bereits weit vor der Machtübertragung
an Hitler einsetzte, wird nach wie vor - außer in einschlägigen
Monografien, die freilich in Hülle und Fülle vorliegen[1]
- nur höchst schemenhaft wahrgenommen; dass dieser sogar - trotz
verhaftungs- und später außerdem kriegsbedingter Schwankungen
hinsichtlich seiner Intensität wie auch mitunter mit temporären
Unterbrechungen - bis in die letzte Kriegsphase hinein nachweisbar ist,
stößt bis heute selbst bei manchen Widerstandshistorikern auf
Skepsis. Ebenso wird - trotz einer überwältigenden Vielzahl
entsprechender Hinweise - noch immer nicht gebührend gewürdigt,
dass der "20. Juli" keineswegs allein eine gemeinsame Aktion
von oppositionellen Militärs und Vertretern des konservativ-liberalen
Bürgertums war, sondern sich gleichermaßen auf eine hauptsächlich
von Wilhelm Leuschner und seinen Mitstreitern in jahrelanger zäher
Kleinarbeit geschaffene, im ganzen Reichsgebiet weit verzweigte zivile
Widerstandsstruktur stützen konnte, in die hie und da schließlich
noch einzelne bürgerliche Regimegegner bzw. lokale bürgerliche
Oppositionszirkel eingeklinkt wurden; eines der wichtigsten Zentren jenes
im Kern sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Vertrauensleutesystems erstreckte
sich auf die späteren Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz
mit deutlichem Schwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet.
Während inzwischen der Widerstand im Bereich Hessens in seinen mannigfaltigen
Ausformungen als recht gut erforscht bezeichnet werden kann[2],
steht die Widerstandsforschung für Rheinland-Pfalz erst am Anfang[3].
Die ungleich günstigere Forschungslage im Bundesland Hessen hat sich
freilich bislang kaum auf die dortige allgemeine Widerstandsrezeption
ausgewirkt. Die angesprochene Wahrnehmungsverengung hinsichtlich des antinazistischen
Widerstandes offenbart sich hauptsächlich in den Medien, den Ansprachen
von Politikern und sogar von Wissenschaftlern beispielsweise anlässlich
von Gedenktagen[4], aber auch in Schulbüchern[5]
und anderen Unterrichtsmaterialien. Dort wird in der Regel ein Widerstandsbild
produziert, das der historischen Wirklichkeit nur rudimentär entspricht.
Zu einem gewissen Teil resultiert dies sicherlich aus dem Diktat der Kürze
bzw. Prägnanz, das für Pressetexte, Politikerreden, Unterrichtswerke
usw. allesamt gilt. Aber selbst wissenschaftlich fundierte Überblicksdarstellungen
zum Widerstand in seiner Gesamtheit vermögen nur punktuell bis zur
Ebene der Städte und Gemeinden mit deren jeweiligen Besonderheiten
herabzudringen und streifen auch nur äußerst selten einmal
exemplarisch die Situation in einem regionalen Strukturzusammenhang. Dadurch
reduziert sich die Zahl der von ihnen wahrgenommenen Widerstandshandlungen
drastisch und es verengt sich außerdem der Kreis der dort dokumentierten
Personen zwangsläufig auf die führenden Protagonisten, was nur
gelegentlich durch zumeist recht spärliche Hinweise auf deren tatsächlich
oft doch erstaunlich großen personellen bzw. organisatorischen Hintergrund
zu kompensieren gesucht wird. Andererseits fehlt lokalhistorischen Darstellungen
und Dokumentationen zum Widerstand vielfach der Blick für regionale
und überregionale Zusammenhänge, was hier ebenfalls häufig
zu eklatanten Wahrnehmungsverzerrungen führt. Die Darstellung des
Widerstandes in einem regionalen Strukturkontext hingegen vermag als Scharnier
zu fungieren zwischen lokaler und überregionaler Darstellungsebene
und bietet dabei noch am ehesten die Chance, ein historiografisch angemessenes
Bild der antinazistischen Aktivitäten jener zwar unbestritten kleinen
Minderheit des deutschen Volkes während der Jahre 1933 bis 1945 nachzuzeichnen,
zu der insgesamt doch wenigstens mehrere Hunderttausend Frauen und Männer
zu zählen sind.
Am Beispiel des Rhein-Main-Gebietes, das in seinem größeren,
hessischen Teil eine der lokalhistorisch am besten erforschten Regionen
Deutschlands überhaupt ist[6],
lässt sich exemplarisch sehr gut veranschaulichen, wie viele verschiedene
Organisationen und Gruppierungen und dementsprechend auch wie bemerkenswert
viele Regimegegner dazu bereit waren, dem "Dritten Reich" politischen
Widerstand entgegenzusetzen. Die Region wird im Norden begrenzt durch
den Taunus, sie reicht im Westen bis zum Rheingau bzw. nach Rheinhessen
mit den Städten Wiesbaden und Mainz, schließt im Süden
Darmstadt ein und greift über ihr Zentrum Frankfurt östlich
hinaus bis etwa nach Offenbach und Hanau. Politisch gehörte das Gebiet
seinerzeit zu den beiden Regierungsbezirken Wiesbaden und Kassel der preußischen
Provinz Hessen-Nassau sowie zum Volksstaat Hessen, den die Nazis dann
allen Ernstes in "Freistaat Hessen" umbenannten. Es handelte
sich schon damals um einen industriellen Ballungsraum mit einer entsprechend
starken Arbeiterbewegung, was unmittelbare Auswirkungen hatte auf Sozialstruktur
und politische Ausrichtung des dort geleisteten Widerstandes. Dessen Anfänge,
also die antinazistischen Aktivitäten während der Weimarer Zeit,
können hier nicht behandelt werden. Gleiches gilt für die erste
Zeit unmittelbar im Anschluss an die Machtübertragung an Hitler mit
den zahllosen Protestdemonstrationen und Massenkundgebungen der Arbeiterorganisationen
allerorten. Auch ansonsten kann nur ein kurzer Einblick in die enorme
Bandbreite der Organisationen und Gruppen der politischen Opposition sowie
in die von ihnen ausgehenden antinazistischen Aktivitäten vermittelt
werden.
Politischer Widerstand wird verstanden als kompromisslose Ablehnung des
NS-Regimes durch Mitwirkung in konspirativen Organisationen oder auch
eher lockeren Gruppenzusammenhängen mit dezidierter Zielsetzung,
zur Beseitigung der Diktatur bzw. zur Errichtung eines nichtfaschistischen
Systems beizutragen. Dabei konnte es unter den Bedingungen der Illegalität
keine Differenz geben zwischen von politischen oder gewerkschaftlichen
Organisationen ausgehendem Widerstand. Selbst die Umsturzbemühungen
aus dem Bereich des Militärs erfolgten letztendlich aus politischem
Antrieb und außerdem in enger Abstimmung mit zivilen politischen
Widerstandskräften. Gleichermaßen meint diese Begriffsdefinition
keineswegs bloß die innerdeutschen Widerstandsaktivitäten,
sondern auch jene, die von ins Ausland ausgewichenen Nazigegnern mit Stoßrichtung
gegen das faschistische Deutschland entfaltet wurden; auch dies kann im
Rahmen einer solchen knappen Regionalstudie nur gelegentlich angedeutet
werden. Wenn es dennoch gelingt, am Beispiel des Rhein-Main-Gebietes zumindest
einen Eindruck von der Vielfalt, der Breite und auch der Kontinuität
des zwischen 1933 und 1945 geleisteten Widerstandes zu vermitteln, dann
mag dieser Beitrag seinen Zweck schon erfüllt haben.[7]
[1] Überhaupt
dürfte gerade die NS-Zeit die deutsche Geschichtsforschung in den
zurückliegenden Jahren wie kaum ein zweites Thema beschäftigt
haben. Auch zum antinazistischen Widerstand in all seinen Facetten liegt
inzwischen eine beeindruckende Fülle von lokalhistorischen und überregionalen
Monografien und Dokumentationen vor, ebenso an Biografien und Autobiografien,
und auch an sehr nützlichen Lexika, Sammeleditionen, Quellensammlungen
und Überblicksdarstellungen fehlt es nicht, siehe hierzu: Michael
Ruck: Bibliographie zum Nationalsozialismus. 2 Bde. u. CD-ROM. Vollst.
überarb. u. wesentl. erw. Ausg. Darmstadt 2000.
[2] Einen Einstieg in den aktuellen
Forschungsstand ermöglichen die dem Widerstand gewidmeten Beiträge
in: Renate Knigge-Tesche, Axel Ulrich (Hrsg.): Verfolgung und Widerstand
in Hessen 1933-1945. Frankfurt/M. 1996 - der Sammelband ist im Buchhandel
inzwischen vergriffen, kann aber in Einzelexemplaren über die Hessische
Landeszentrale für politische Bildung, Rheinbahnstraße 2, 65185
Wiesbaden noch gratis bezogen werden; siehe außerdem: Ursula Krause-Schmitt,
Jutta von Freyberg u.a.: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten
des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I - Regierungsbezirk
Darmstadt u. Hessen II - Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Hrsg.:
Studienkreis Deutscher Widerstand. Frankfurt/M. 1995 u. 1996.
[3] Siehe hierzu u.a. die Beiträge
von Angelika Arenz-Morch und Hans Berkessel sowie von Günter Braun,
Beate Dorfey und Anton Maria Keim in: Hans-Georg Meyer, H. Berkessel (Hrsg.):
Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz. Bd. 1: "Eine
nationalsozialistische Revolution ist eine gründliche Angelegenheit".
Mainz 2000; ebenso: Günter Braun: Sozialdemokratischer und kommunistischer
Widerstand in der Pfalz. Illegale Organisationsansätze und politische
Traditionswahrung der Arbeiterparteien unter dem NS-Regime, in: Gerhard
Nestler, Hannes Ziegler (Hrsg.): Die Pfalz unterm Hakenkreuz. Eine deutsche
Provinz während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Landau/Pfalz
1993, S. 377-411; Klaus J. Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946-1956.
Mainz 2001 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für
die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 22) bietet einen Überblick
zur KPD zwischen 1933 und 1945 in den Bezirken Baden-Pfalz sowie Saarpfalz
bzw. später Mittelrhein-Saarpfalz, dort: S. 56-77. - Besonders ist
zu beklagen, dass Rheinhessen und sogar Mainz von der Widerstandsforschung
bislang fast völlig ausgeblendet wurden.
[4] So behauptete Hanno Loewy vom Frankfurter
Fritz Bauer Institut in seinem Beitrag "Nationales Erinnern und regionale
Gedenkstättenarbeit. Der nationale Gedenktag am 27. Januar und seine
Bedeutung für die regionale Aufklärungsarbeit über den
Nationalsozialismus" während der Fachtagung, welche die Landeszentrale
für politische Bildung Rheinland-Pfalz anlässlich der Eröffnung
der zentralen Gedenkstätte für dieses Bundesland in Osthofen
am 19. und 20. November 1996 in Mainz sowie in Osthofen zur "NS-Vergangenheit
in Rheinland-Pfalz" durchführte, lapidar: "Der deutsche
Widerstand war banal."
[5] Zu den - trotz mancher während
der letzten 25 Jahre hinsichtlich der Darstellung des deutschen antinazistischen
Widerstandes im Schulbuch erzielten Fortschritte - diesbezüglich
noch immer vorzubringenden Monita siehe beispielsweise: Karl Heinz Jahnke:
Vergessenes? Der europäische Widerstand 1939 bis 1945 in deutschen
Geschichtslehrbüchern. Frankfurt/M. 2001, S. 41 ff.
[6] Siehe hierzu: Volker Fabricius,
Horst Steffens (Projektleitung u. Red.): Nationalsozialismus in Hessen.
Eine Bibliographie der Literatur nach 1945. Durch V. Fabricius u. Barbara
Wilhelmi wesentl. erw. u. überarb. Neuaufl. der Erstveröffentlichung
(Zusammengestellt von Rolf Engelke u. H. Steffens, unter Mitwirkung von
Hans-Jürgen Fuchs u. Christoph Stuke). Hrsg.: Hessisches Institut
für Bildungsplanung und Schulentwicklung (HIBS). Wiesbaden 1992 (Materialien
zum Unterricht, Sekundarstufe I - Heft 44, Projekt "Hessen im Nationalsozialismus");
Axel Ulrich, Renate Knigge-Tesche (Bearb.): Verfolgung und Widerstand
in Hessen 1933-1945. Eine Auswahlbibliographie. Hrsg.: Hessische Landeszentrale
für politische Bildung, Referat III: Gedenkstätten für
die Opfer des Nationalsozialismus. Wiesbaden 1994; Herbert Bauch, Volker
Eichler, Ulrich Eisenbach, Rolf Engelke, Wolfgang Form (Bearb.): Quellen
zu Widerstand und Verfolgung unter der NS-Diktatur in hessischen Archiven.
Übersicht über die Bestände in Archiven und Dokumentationsstellen.
Wiesbaden 1995 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für
Nassau, 57).
[7] Ein größerer regionalgeschichtlicher
Überblick zum politischen Widerstand gegen das "Dritte Reich"
im Rhein-Main-Gebiet wird derzeit vorbereitet und soll im Wiesbadener
Thrun-Verlag erscheinen (Postfach 5607, 65046 Wiesbaden; E-Mail: thrun-verlag@web.de).
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Sozialdemokratischer
Widerstand
Die Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 traf die sozialdemokratische
Arbeiterbewegung keineswegs - wie oft genug behauptet wurde - gänzlich
unvorbereitet. Schon im Vorjahr hatte die SPD begonnen, in einigen Bezirken,
darunter auch in Hessen, den Prototyp eines konspirativen Pioniersystems
für den Fall des bereits befürchteten Parteiverbots zu schaffen.
Aber diese Geheimorganisation hatte - trotz Unterstützung durch den
SPD-Vorsitzenden Otto Wels - nicht mehr sonderlich weit entwickelt werden
können. Jedoch standen die Formationen des gegen die gegen die NSDAP
wie die KPD gleichermaßen gerichteten, zwar überparteilichen,
aber klar von der SPD dominierten Reichsbanners Schwarz Rot Gold sowie
der Eisernen Front, eines ebenfalls paramilitärischen Zusammenschlusses
aus SPD, Reichsbanner, Arbeitersportorganisationen und sozialdemokratischen
Gewerkschaften, Anfang 1933 allerorten zum Abwehrkampf bereit. Teile dieser
Organisationen drängten mitunter sogar recht vehement auf ein energisches
antinazistisches Vorgehen, hatten zudem geheime Waffenlager angelegt und
ähnliche Vorkehrungen getroffen. So waren auf dem Gelände des
Frankfurter Arbeitersportvereins Westend schon vorsorglich rund 150 Stielhandgranaten,
50 Gewehre und Pistolen, ein Maschinengewehr und mehrere tausend Schuss
Munition versteckt worden. Das ersehnte Signal zum Losschlagen blieb aber
aus. Die Führungen der sozialdemokratischen Organisationen sahen
angesichts von sechs Millionen Arbeitslosen für einen Generalstreik
ebenso wenig eine Chance wie für eine Aktionseinheit mit der KPD,
mit der man heftig verfeindet war, und schon gar nicht wollten sie einen
Bürgerkrieg mit ungewissem Ausgang provozieren. Vielmehr hofften
sie zunächst noch auf die Reichstagswahlen am 5. März 1933.
Doch deren Ausgang war niederschmetternd: Reichsweit erzielte die NSDAP
fast 44 Prozent der Stimmen, ihr gleichfalls erzreaktionärer Bündnispartner,
die Deutschnationale Volkspartei, errang nochmals 8 Prozent; im Volksstaat
Hessen erhielten die Nazis 47,4 Prozent der Stimmen, in der Provinz Hessen-Nassau
sogar noch zwei Prozent mehr. Die Sozialdemokratie war zwar zweitstärkste
Partei in Deutschland geblieben, rangierte mit 18,3 Prozent aber weit
abgeschlagen hinter der Hitler-Partei.
Durch die neue politische Situation, aber auch wegen der zurückhaltenden,
d.h. auf strikte Beachtung des Legalitätsprinzips bedachten Reaktion
ihrer Führungen, zeigte sich die überwiegende Mehrheit der Mitgliedschaft
- gelinde gesagt - irritiert, wenn nicht gelähmt. Hinzu kam der unglaubliche
Terror, der einschüchternd wirkte: Mord, Totschlag, andere tätliche
Übergriffe und Verhaftungen waren an der Tagesordnung; die Folterkeller
der SA, die rasch errichteten ersten KZs und die sonstigen Haftanstalten
füllten sich mehr und mehr und bewirkten ein Übriges. So war
es den sozialdemokratischen Organisationen - trotz mancher Bemühungen
- nicht mehr möglich, Tritt zu fassen. Viele, wenn nicht die meisten
Parteimitglieder und Sympathisanten versanken in Resignation oder Lethargie,
stellten sich auf eine Zeit des "Überwinterns" der akuten
Verfolgungszeit ein, ähnlich jener vielleicht während des Sozialistengesetzes
ein halbes Jahrhundert zuvor, aus der die Sozialdemokratie doch sogar
gestärkt hervorgegangen war. Viele gaben sich der nicht minder trügerischen
Hoffnung hin, auch die Nazis würden die katastrophalen wirtschaftlichen
und sozialen Rahmenbedingungen nicht meistern können und bald abgewirtschaftet
haben; danach würde zwangsläufig die SPD wieder ans Ruder gelangen.
Etliche mögen die Frage nach der Organisierung von Widerstand außerdem
mit dem Hinweis kommentiert haben: Warum sollen wir uns jetzt exponieren,
unseren Kopf riskieren, wenn unsere Führer sich bedeckt halten, auf
Anpassungskurs geschwenkt sind oder das Land gar bereits verlassen haben?
Andere sahen die Sicherheit ihrer Familien, ihrer Frauen und Kinder im
Vordergrund, die - davon war auszugehen - ohne Unterstützung wären,
wenn ihre Ernährer in die Kerker und KZs der Faschisten wanderten.
So spielten viele Faktoren eine Rolle, um eine antinazistische Massenbewegung
im sozialdemokratischen Organisationsspektrum - aber nicht nur hier -
zu verhindern.
Dennoch regte sich im sozialdemokratischen Lager bald erster Widerstand.
Es waren meist jüngere Funktionäre und Mitglieder, die nicht
gewillt waren, sich den Nazis an der Macht anzupassen bzw. stillzuhalten.
Oft waren es Kräfte, die sich zuvor bereits in Opposition zu ihren
eigenen Leitungen befunden hatten, die schon immer - in der Regel leider
allzu rasch flüchtiges Privileg der Jugend - etwas kämpferischer
und forscher aufgetreten waren. Die Jugendverbände der im Allgemeinen
Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) zusammengeschlossenen Gewerkschaften,
die des Reichsbanners, der Arbeitersportverbände und die Sozialistische
Arbeiterjugend (SAJ), die Jugendorganisation der SPD, beispielsweise verkündeten
noch im März 1933 in einem gemeinsamen Aufruf tapfer, trotzig, ganz
legal: "Die arbeitende und freiheitsliebende Jugend wird nicht eher
ruhen, bis das System des 30. Januar in Deutschland wieder beseitigt ist."[8]
Und im Rhein-Main-Gebiet versuchten im gleichen Frühjahr SPD-Aktivisten
aus dem Umfeld des Gewerkschaftsführers und vormaligen hessischen
Innenministers Wilhelm Leuschner[9],
eine erste funktionsfähige konspirative Struktur zu schaffen. Sein
inzwischen zur Fahndung ausgeschriebener Pressereferent Carlo Mierendorff[10],
dessen gleichfalls verfolgter Reichstagskollege Heinrich G. Ritzel[11],
der - wie diese - untergetauchte Vorsitzende des Frankfurter Sozialistischen
Deutschen Studenten-Bundes und Reichsbanner-Aktivist Siegfried Höxter[12]
sowie etliche andere griffen dabei auf die Konzeptionen zurück, die
1932 für das erwähnte konspirative Pioniersystem der SPD entwickelt
worden waren. Danach sollten vor allem jüngere Partei- und SAJ-Aktivisten,
später auch ältere und bekanntere Funktionäre zu Fünfergruppen
zusammengefasst werden, um in der Hauptsache antinazistische Schriftpropaganda
und "Zersetzungsarbeit" zu betreiben.[13]
In Frankfurt und Umgebung kam es zu verschiedenen Geheimtreffen der
Mierendorff-Höxter-Gruppe, um die Widerstandsarbeit
anzukurbeln. Anfang Juni wurde im Frankfurter Haus Vaterland sogar eine
- als Geburtstagsfeier allerdings recht dilettantisch getarnte - "Gründungsversammlung"
durchgeführt, an der sich bis zu 100 Sozialdemokraten aus dem ganzen
Volksstaat Hessen beteiligt haben sollen. An einer anderen Zusammenkunft
nahmen außer Mierendorff, Höxter und Ritzel auch Wilhelm Leuschner
und Kurt Schumacher teil. Den Kommunisten waren solche Bestrebungen der
SPD ein Dorn im Auge, reklamierten sie doch für sich selbst von Anfang
an und kategorisch die Führungsrolle im Widerstand. So waren im Mai
1933 von der nun unter konspirativen Bedingungen hergestellten und vertriebenen
kommunistischen Gewerkschaftszeitung "RGO-Scheinwerfer. Organ der
Belegschaft der Verkehrsbetriebe Wiesbaden" unter dem Titel "Achtung
SPD-Arbeiter! Der Verrat eurer Führer geht noch weiter!" die
Bestrebungen der "Mierendorff-Höxter-Gruppe in der SPD",
gegen deren Parteivorstand ein mit "illegalen Arbeitsmethoden"
operierendes "System von Vertrauensleuten zu organisieren",
ganz unverblümt publik gemacht worden.[14]
Dies war einer Denunziation gleichgekommen, und es ist bezeichnend, dass
nur wenige Wochen später die wichtigsten jener sozialdemokratischen
Widerstandsaktivisten, darunter auch Mierendorff, festgenommen wurden,
sofern sie nicht - wie etwa Ritzel und Höxter - zu fliehen vermochten.
Während die meisten der in Deutschland verbliebenen Vorstandsmitglieder
der SPD um den vormaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe bis
zuletzt eindringlich vor sämtlichen Widerstandsaktivitäten warnten,
meldete sich am 18. Juni 1933 - vier Tage vor dem Parteiverbot - der Exilvorstand
aus der Tschechoslowakei mit dem kämpferischen Aufruf "Zerbrecht
die Ketten! Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein!"[15]
zu Wort. Darin wurden die Parteimitglieder im Reich auf der Basis "vollkommenster
Freiwilligkeit" zum Kampf "für die Freiheit und den Sozialismus"
aufgerufen. Damit war Anschluss gefunden an die mutige Rede von Otto Wels,
mit der dieser am 23. März für seine Fraktion im Reichstag die
Ablehnung des "Ermächtigungsgesetzes" begründet hatte.
In der Folge versuchte der SPD-Exilvorstand, seine Anhängerschaft
in Deutschland durch eine Flut von antinazistischen Flugschriften und
Propagandabroschüren ideologisch zu stabilisieren. Diesem Zweck diente
dann vor allem auch das neue Parteiorgan für die konspirative Inlandsarbeit,
die "Sozialistische Aktion", die auf Dünndruckpapier, im
Kleinformat sowie in durchaus beeindruckender Auflagenhöhe produziert
wurde. Als Anlaufstellen für ihre Geheimkuriere bzw. um den Material-
sowie Nachrichtentransfer zwischen den Widerstandsgruppen vor Ort und
der Sopade, wie sich der Exilvorstand fortan in bewusster Abgrenzung von
der bisherigen, politisch diskreditierten SPD nannte, zu erleichtern,
wurden rings um Deutschland - in unmittelbarer Grenznähe, aber bereits
im Ausland - spezielle Grenzsekretariate eingerichtet. Diese hatten dafür
zu sorgen, dass die Belieferung der einzelnen Bezirke mit dem Propagandamaterial
reibungslos klappte, ferner sollten sie von dort regelmäßig
Informationen zur politischen, sozialen, wirtschaftlichen und sonstigen
Lage abrufen, die der "gleichgeschalteten" Presse nicht mehr
zu entnehmen waren. Diese wurden sodann sorgsam und kritisch ausgewertet,
um wiederum in die "Sozialistische Aktion" sowie in die ab 1934
regelmäßig herausgebrachten, recht umfangreichen "Deutschland-Berichte"
einzufließen, mit denen die Sopade vor allem die Auslandspresse
über die wirklichen Zustände im "Dritten Reich" aufzuklären
und vor der drohenden Kriegsgefahr zu warnen suchte.
Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ),
bei denen die Vorbehalte gegenüber der früheren Parteiführung
ebenfalls recht ausgeprägt waren, bildeten recht bald eigene Resistenzkerne,
so in Wiesbaden, Hanau, Offenbach und etlichen weiteren Städten des
Rhein-Main-Gebietes.[16] In Frankfurt,
wo bis 1933 die mitgliederstärkste Gruppe der ganzen Region bestanden
hatte, wurde noch eine Zeit lang das Organ "Der Rote Sender"
illegal herausgebracht. Solche Propagandaformen wurden aber schnell als
viel zu riskant erkannt und daher umgehend wieder eingestellt. Die SAJler
begnügten sich fortan vorwiegend damit, den eigenen Gruppenzusammenhalt
aufrechtzuerhalten, indem sie gemeinsame Wanderungen und Fahrten bzw.
ähnliche Treffen organisierten, die sie als gesellige Zusammenkünfte
tarnten. Aus solchen Gruppenstrukturen rekrutierten dann die Widerstandsgruppen
der Partei bzw. des Reichsbanners nach und nach neue Mitstreiter, wodurch
jene SAJler politisch wieder spürbar wurden. Entgegen der offiziellen
Direktive wurde vereinzelt sogar versucht, mit Jungkommunisten zu kooperieren,
so etwa in Frankfurt, Darmstadt, Hanau und Offenbach. Aber solche Bestrebungen,
eine gemeinsame antinazistische Front zu bilden, scheiterten meist frühzeitig,
sie verliefen im Sande oder endeten mit Festnahmen. Ohnehin wurden - eine
systematische Schulung in konspirativen Techniken fehlte den SAJlern in
aller Regel - oft Unachtsamkeiten begangen, die ebenfalls leicht zu Festnahmen
führten. Bis zu dessen Verhaftung im Sommer 1934 standen die SAJ-Gruppen
im Rhein-Main-Gebiet zumeist in Verbindung mit Willy Knothe, bis 1933
u.a. Bezirksvorsitzender der SAJ für Hessen-Nassau und dann Leiter
des sozialdemokratischen Widerstandes in Südwestdeutschland. Georg
Buch, der Anführer der Wiesbadener SAJ-Widerstandsgruppe[17],
führte die konspirativen Treffen mit Knothe durch, ohne grundsätzlich
auch nur einen einzigen seiner Mitstreiter einzuweihen. Da Willy Knothe
während der Verhöre niemanden verriet, Buch außerdem seine
Gruppe, der anfangs noch bis zu 40 Jugendliche bzw. junge Erwachsene angehörten,
künftig von allen sonstigen Außenkontakten fernhielt, blieb
diese immerhin bis Anfang 1941 intakt. Doch dann schlug die Gestapo zu
und verhaftete ihn und 14 seiner Gesinnungsfreunde, die meisten davon
weiblich. Im ganzen Reichsgebiet hat höchstens eine Handvoll weiterer
SAJ-Widerstandsgruppen ähnlich lange durchgehalten. Buch erhielt
als "geistiger Leiter und maßgeblicher Organisator" ein
Strafmaß von zweieinhalb Jahren Gefängnis.[18]
Nach deren Verbüßung musste er noch die KZs Hinzert und Sachsenhausen
durchleiden, bis er 1945 durch die Rote Armee befreit wurde. Nach der
Rückkehr in seine Heimatstadt engagierte er sich sofort für
die demokratische Reorganisation und wirkte später u.a. als Oberbürgermeister
der Landeshauptstadt Wiesbaden sowie als Präsident des Hessischen
Landtages.
Nach Knothes Verhaftung rückte der frühere Gausekretär
des Reichsbanners für Hessen-Nassau Paul Apel an die Spitze des sozialdemokratischen
Widerstandes in der Region. Zusammen mit Paul Kirchhof schuf er eine im
ganzen Rhein-Main-Gebiet weit verzweigte Organisationsstruktur vor allem
zur Verbreitung der "Sozialistischen Aktion", die sich deutlich
auf einstige Reichsbanner-Aktivisten stützte.[19]
Einige ihrer Mitstreiter im konspirativen SPD-Bezirk
Hessen-Nassau mit Frankfurt als Zentrum, der sich nun auch auf das
Gebiet des früheren Parteibezirks Hessen (Offenbach) ausdehnte, waren
schon im Frühjahr 1933 am Versuch Mierendorffs, Höxters und
anderer beteiligt gewesen, eine erste Widerstandsstruktur zu schaffen.
In Apels Organisation waren miteinander vernetzt Stützpunkte in Frankfurt,
Offenbach, Mühlheim, Steinheim, Hanau, Langenselbold, Langendiebach,
Gelnhausen, Büdingen, Nidda, Gießen, Nied, Höchst, Zeilsheim,
Sindlingen, Hattersheim, Kelsterbach, Okriftel, Kronberg, Kelkheim, Bad
Soden, Münster im Taunus, Hofheim, Eddersheim, Hochheim, Mainz-Kastel,
Mainz-Kostheim, in Wiesbaden sowie Wiesbaden-Bierstadt, in Eltville, Mainz,
Langen, Darmstadt und Pfungstadt. Kontakte bestanden darüber hinaus
nach Worms, Mannheim und Heidelberg. Im Werk Offenbach der IG-Farbenindustrie
wirkte außerdem eine illegale SPD-Betriebsgruppe, die auch selbst
hergestellte Flugblätter verbreitete. Im gesamten Strukturbereich
wurde die "Sozialistische Aktion" bezogen und im eigenen Umfeld
gegen geringes Entgelt - zehn Pfennig pro Stück - vertrieben. Die
so eingenommenen Gelder dienten der Finanzierung der konspirativen Arbeit.
Ebenso wurden Stimmungsberichte verfasst und Informationen zur sozioökonomischen
Lage, zu Streiks, faschistischen Terrormaßnahmen sowie zur deutschen
Aufrüstung beschafft. Im Falle einer Entdeckung dieser nachrichtendienstlichen
Tätigkeit hätten die Beteiligten mit schwersten Strafen zu rechnen
gehabt. Die nicht selten ausgesprochen brisanten Meldungen wurden dem
SPD-Grenzsekretariat Südwest in Frankreich bzw. im Saargebiet, später
in Luxemburg übermittelt, von wo aus sie umgehend an die Sopade nach
Prag weitergeleitet wurden. Im Saargebiet, in Luxemburg, auch in Belgien
wurden gelegentlich geheime Funktionärskonferenzen durchgeführt,
um die konspirative Arbeit besser zu koordinieren. Im Juni 1934 fand eine
solche Zusammenkunft in Mainz statt, an der 21 Funktionäre aus Frankfurt,
Wiesbaden, Mannheim, Ludwigshafen und weiteren Städten Hessens und
Badens teilnahmen.[20] Im folgenden
März trafen sich in Mannheim, wo sich auch die zentrale Anlaufstelle
für die Materialsendungen für Baden, die Pfalz und Hessen befand,
Funktionäre u.a. aus Frankfurt, Hannover, Düsseldorf und Emden.[21]
Die Durchführung solcher Geheimkonferenzen machte vor allem in Deutschland
selbst eine Vielzahl von Sicherheitsvorkehrungen erforderlich, die nur
durch einen größeren funktionierenden Apparat bewältigt
werden konnten. Dennoch wurde die Struktur im Herbst 1935 durch eine große
Verhaftungswelle schwer getroffen, eine weitere folgte im Frühjahr
1936. Insgesamt kam es im Rhein-Main-Gebiet zu über 100 Festnahmen,
darunter auch Apel und Kirchhof. Trotzdem konnte nicht die gesamte Organisation
aufgerieben werden: In Wiesbaden beispielsweise waren zwar die führenden
Funktionäre Georg Feller und Albert Markloff verhaftet worden; weil
beide jedoch während der Verhöre dicht hielten, blieben allein
dort an die 50 Genossinnen und Genossen der Apel-Struktur geschützt.[22]
Apel wurde zu acht Jahren Zuchthaus, Kirchhof zu fünf Jahren, Feller
zu zweieinhalb und Markloff zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Apel
und Feller kamen im Anschluss an ihre Strafhaft ins KZ. Letzterer wie
auch Kirchhof wurden später zudem ins Strafbataillon 999 gepresst.
Nach dem Krieg engagierten sie sich sämtlich - wie auch viele andere
aus Apels Widerstandsstruktur - wieder im kommunalpolitischen bzw. gewerkschaftlichen
Bereich.
Lokale Reststrukturen der sozialdemokratischen Widerstandsbewegung im
Rhein-Main-Gebiet konnten sich gleichwohl noch weiter halten, bis auch
sie großenteils - wie etwa in Hanau, Frankfurt, Nied oder Wiesbaden
- den faschistischen Fahndern ins Netz gingen. Aber sozialdemokratischer
Widerstand war notgedrungen keineswegs immer gleichbedeutend mit der Bildung
fester lokaler wie regionaler Organisationsstrukturen. In den meisten
Städten und Gemeinden kamen frühere SPD-Funktionäre und
andere Parteiaktivisten nach wie vor zu lockeren, eher unregelmäßig
stattfindenden Gesprächsrunden zusammen, entweder als Skatabende
oder dergleichen getarnt in ihren Privatwohnungen, auch in Gaststätten
und Kaffeehäusern fanden solche Treffen statt, oder aber sie gingen
gemeinsam auf Wanderschaft, machten eine Schiffspartie oder etwas Ähnliches.
Auch solche Freundeskreise und Diskussionszirkel
der SPD bewiesen Mut und Gesinnungstreue und trugen ebenfalls dazu
bei, dass Kernbereiche der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft das
"Dritte Reich" überstanden. In diesem Zusammenhang sind
auch die speziellen illegalen Geldsammelstellen
zu erwähnen, von denen aus den Angehörigen politisch Verfolgter
unauffällig materielle Hilfen zugingen. In Wiesbaden beispielsweise
diente diesem Zweck der Tabakwarenladen von Max Meinhold in der Bleichstraße.[23]
Dort konnten Gelder abgegeben werden, mit denen die Frau des Inhaftierten
Willy Knothe und andere Betroffene, mitunter sogar Familien verfolgter
Kommunisten unterstützt wurden. Das Wirken von Meinhold und seinem
Unterstützerkreis blieb bis zum Ende der Diktatur unentdeckt. Ferner
engagierten sich im Widerstand Mitglieder verschiedener weiterer sozialdemokratisch
ausgerichteter Organisationen, so z.B. die Naturfreunde,
für die sich entsprechende Aktivitäten u.a. für Frankfurt,
Offenbach, Hanau, Groß-Gerau, Rüsselsheim, Bad Homburg und
Mainz nachweisen lassen.[24] Ähnliches
gilt für die Arbeitersportler,
hier speziell für die Radfahrer, für Wasserwanderer und Skilangläufer.[25]
Wegen ihrer körperlichen Kondition und aufgrund ihrer zumeist hervorragenden
Kenntnisse der geografischen Gegebenheiten auch der ferneren Heimat waren
diese prädestiniert dafür, die gefahrvollen Materialtransporte
zu übernehmen bzw. auch von Verhaftung bedrohte Gesinnungsfreunde
auf heimlichen Pfaden über die grüne Grenze zu geleiten.
Immer noch viel zu wenig Beachtung findet der Anteil von Frauen an der
konspirativen Arbeit. So erfolgte unauffälliger, trotzdem höchst
effektiver Widerstand durch etliche Frauen aus der im Frühjahr 1933
zwangsaufgelösten Arbeiterwohlfahrt:[26]
Lotte Lemke war Geschäftsführerin beim Hauptausschuss jener
Hilfsorganisation gewesen und hatte schon im Februar 1933 eine Tarnorganisation,
das Deutsch-Ausländische Jugendhilfswerk, geschaffen, um die karitative
Arbeit auch künftig fortsetzen zu können. Immerhin bis 1936
gelang es so, eine Vielzahl verfolgter Familien mit Lebensmittelpaketen
zu unterstützen und haftentlassenen politisch Verfolgten Erholungsurlaube
zu ermöglichen. Für die Regeneration der Kinder betroffener
Familien stand ein Heim im Taunus nordwestlich von Wiesbaden zur Verfügung;
auch Ferienaufenthalte in der Schweiz wurden organisiert, und bis 1935
wurden jüdische Kinder in einem Kindergarten in Berlin betreut. Lemke,
die zumindest 1933 auch Berührung hatte mit dem sozialdemokratischen
Widerstand im Raum Frankfurt/Hanau, operierte in jenen Jahren zusätzlich
reichs- und europaweit als Geheimkurierin und realisierte u.a. die Verbindung
zwischen Berlin und dem SPD-Exilvorstand in Prag. Johanna Kirchner[27],
die Mitbegründerin der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt, musste im Sommer
1933 ins Saargebiet und 1935 nach Frankreich ausweichen, wo sie sich schwerpunktmäßig
in der Flüchtlingsbetreuung engagierte. Im Sommer 1942 wurde sie
durch die Vichy-Regierung inhaftiert und an Deutschland ausgeliefert.
Dort wurde sie vom "Volksgerichtshof" zum Tode verurteilt und
am 9. Juni 1944 in der Strafanstalt Plötzensee in Berlin hingerichtet.
Auch ihre Töchter, Lotte Schmidt und Inge Leetz, hatten sich im Widerstand
gegen das "Dritte Reich" betätigt. Letztere hatte für
die SAP, die Sozialistische Arbeiterpartei, in Frankfurt untergetauchte
Antifaschisten betreut, bevor diese über Trier ins rettende Ausland
geschleust werden konnten.[28] Ihre
Schwester Lotte, SPD- und SAJ-Mitglied, hatte verschiedentlich als Geheimkurierin
zwischen dem sozialdemokratischen Untergrund in Frankfurt und ihrer Mutter
in Saarbrücken fungiert.[29]
Lotte Lemke sorgte nach dem Krieg für die zügige Reorganisation
der Arbeiterwohlfahrt, als deren Bundes- und schließlich Ehrenvorsitzende
sie dann wirkte.
[8] Aufruf "Kampf
dem System des 30. Januar", in: "Arbeiter-Jugend. Monatsschrift
der Sozialistischen Arbeiterjugend", 25. Jg., Heft 3, März 1933.
[9] Joachim G. Leithäuser: Wilhelm
Leuschner. Ein Leben für die Republik. Frankfurt/M., Zürich,
Wien 1962.
[10] Richard Albrecht: Der militante
Sozialdemokrat. Carlo Mierendorff 1897 bis 1943. Eine Biografie. Berlin,
Bonn 1987 (Internationale Bibliothek, Bd. 128); Ullrich Amlung, Gudrun
Richter, Helge Thied: "... von jetzt an geht es nur noch aufwärts:
entweder an die Macht oder an den Galgen!". Carlo Mierendorff (1897-1943).
Schriftsteller, Politiker, Widerstandskämpfer. Marburg 1997.
[11] Axel Ulrich: Heinrich Georg Ritzel.
Vom antifaschistischen Abwehrkampf im Volksstaat Hessen zu den demokratischen
Neuordnungsdiskussionen im Schweizer Exil, in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie
Anm. 2) S. 358-373.
[12] Monica Kingreen: Siegfried Höxter
- ein kämpferischer Sozialdemokrat, in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie
Anm. 2) S. 138-151.
[13] "Das Pioniersystem. Die
illegale Organisationsform der SPD in Deutschland", als Anlage zu
einem geheimen Schreiben der Deutschen Gesandtschaft in Brüssel an
das Auswärtige Amt in Berlin vom 25. Juli 1933 übermittelter
Bericht eines "Gewährsmannes", Studienkreis Deutscher Widerstand/Dokumentationsarchiv
des deutschen Widerstandes 1933-1945 AN 1813; siehe auch: Materialsammlung
A. Ulrich zum Pioniersystem der SPD, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 995.
[14] Der Artikel ist auszugsweise
abgedruckt in: Lothar Bembenek, Axel Ulrich: Widerstand und Verfolgung
in Wiesbaden 1933-1945. Eine Dokumentation. Hrsg.: Magistrat der Landeshauptstadt
Wiesbaden - Stadtarchiv. Gießen 1990, S. 110 f.
[15] "Neuer Vorwärts. Sozialdemokratisches
Wochenblatt", Nr. 1, 18. Juni 1933.
[16] Zur Situation in Hessen insgesamt
siehe: Marianne Peter: Widerstand und Verfolgung der Sozialistischen Arbeiterjugend
(SAJ), in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 152-165.
[17] Siehe hierzu z.B. den autobiografischen
Bericht: Georg Buch: Über den sozialistischen Widerstand in Wiesbaden
und Umgebung, in: Bembenek, Ulrich (wie Anm. 14) S. 35-45.
[18] Siehe die Auszüge aus der
Urteilsschrift des Strafsenats des Oberlandesgerichts Kassel gegen Georg
Buch u.a. vom 13. März 1942, in: Bembenek, Ulrich (wie Anm. 14) S.
45-50, hier: S. 49.
[19] Hierzu: Christopher Kopper: Zum
Widerstand des Reichsbanners Schwarz Rot Gold im Rhein-Main-Gebiet, in:
Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 166-178; Axel Ulrich: Freiheit!
Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold und der Kampf von Sozialdemokraten in
Hessen gegen den Nationalsozialismus 1924-1938. Hrsg.: SPD-Bezirk Hessen-Süd
u. Union-Druckerei und Verlagsanstalt. Frankfurt/M. 1988.
[20] So der Hinweis bei: Erich Matthias,
Hermann Weber u.a. (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus in
Mannheim. Mannheim 1984, S. 160, Anm. 212.
[21] Matthias, Weber (wie Anm. 20)
S. 162 ff.
[22] Siehe hierzu den autobiografischen
Bericht: Georg Feller: Aus der Widerstandsarbeit des Wiesbadener Reichsbanners,
in: Ulrich (wie Anm. 19) S. 143-155; ebenso: Auszug aus der Anklageschrift
des Generalstaatsanwalts beim Oberlandesgericht Kassel gegen Adam Treber
u.a. vom 18. Dezember 1935, in: Bembenek, Ulrich (wie Anm. 14) S. 67 f.
[23] Buch (wie Anm. 17) S. 42.
[24] Siehe hierzu: Axel Ulrich: Die
hessischen Naturfreunde in der NS-Zeit: Zwischen Anpassung, Verfolgung
und Widerstand, in: informationen. Studienkreis Deutscher Widerstand,
19. Jg., Nr. 39, August 1994, S. 4-13; ebenso: Materialsammlung A. Ulrich
zum Widerstand von Naturfreunden in Hessen, StadtA WI Best. NL 75 Nr.
252.
[25] Siehe: Materialsammlung A. Ulrich
zum Widerstand von Arbeitersportlern in Hessen, StadtA WI Best. NL 75
Nr. 965.
[26] Siehe hierzu: Renate Knigge-Tesche:
Zwei Frauen aus der Arbeiterwohlfahrt: Lotte Lemke und Johanna Kirchner,
in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 346-357; ebenso: Materialsammlung
A. Ulrich zum Widerstand der Arbeiterwohlfahrt, StadtA WI Best. NL 75
Nr. 256.
[27] Antje Dertinger, Jan von Trott:
"... und lebe immer in Eurer Erinnerung". Johanna Kirchner -
Eine Frau im Widerstand. Berlin, Bonn 1985.
[28] Barbara Mausbach-Bromberger:
Arbeiterwiderstand in Frankfurt am Main. Gegen den Faschismus 1933-1945.
Frankfurt/M. 1976, S. 71 u. S. 110.
[29] Siehe hierzu den autobiografischen
Bericht: Lotte Schmidt: Frankfurter Verbindungen zur Emigration im Saargebiet,
in: Axel Ulrich (Bearb.): Hessische Gewerkschafter im Widerstand 1933-1945.
Hrsg.: DGB-Bildungswerk Hessen u. Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung
der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933-1945. 2., unveränd.
Aufl. Gießen 1984, S. 238-241.
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Widerstand proletarischer
Kleinorganisationen
Im Zwischenfeld der beiden großen Arbeiterparteien bzw. links von
diesen positioniert waren während der Weimarer Republik verschiedene
kleinere Parteien und Organisationen entstanden, oftmals als Abspaltungen
von SPD oder KPD.[30] Fast ausnahmslos
hatten diese Kräfte, die ihre Anhänger ideologisch auf den proletarischen
Klassenkampf orientierten[31], von
vornherein für ein gemeinsames Vorgehen der gesamten Arbeiterbewegung
gegen den heraufziehenden Nazi-Faschismus plädiert. Meist hatten
sie sich schon früh auf die Fortführung ihrer politischen Arbeit
unter konspirativen Bedingungen eingestellt, etwa durch Umstellung ihrer
Strukturen auf das Fünfergruppensystem, und sich daher entsprechend
zügig der Verfolgungssituation, die mit der Machtübertragung
an Hitler eingetreten war, anzupassen vermocht. Wegen ihrer generell sowie
örtlich vergleichsweise schwachen Strukturen kannten sich ihre Mitglieder
untereinander vielfach recht gut, wodurch den faschistischen Verfolgungsbehörden
das Einschleusen von Spitzeln deutlich erschwert wurde. Außerdem
rückten sie ganz einfach auch wegen ihrer geringeren politischen
Relevanz erst allmählich ins Visier der Nazi-Fahnder. Ihre Entschlossenheit
zum Widerstand und ihr dabei unter Beweis gestellter Mut kompensierten
ihre geringe Organisationsstärke allerdings bei weitem.[32]
Dies belegen auch ihre konspirativen Strukturen im Rhein-Main-Gebiet.[33]
Die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) war die
bedeutendste jener proletarischen Kleinorganisationen. Im Frühjahr
1933 waren reichsweit etwa 15.000 ihrer Anhänger zur Aufnahme der
Untergrundarbeit bereit.[34] Um die
Gefahr von Spitzeleinbrüchen zu verringern, wurden - so jedenfalls
im Rhein-Main-Gebiet - schon bald keine neuen Mitstreiter mehr in die
konspirativen Zellen aufgenommen. Die größten Gruppen in dieser
Region, in der annähernd 200 SAP-Leute Widerstandsarbeit leisteten,
waren die in Frankfurt und Höchst, erheblich kleinere bestanden in
Offenbach, Hanau, Rüsselsheim, im Rodgau, in Langendiebach, Darmstadt,
Wiesbaden und Mainz. Konspirative Verbindungen führten u.a. bis nach
Anspach, Bad Ems, Worms, Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg.[35]
Besonders eng war die Kooperation der Gruppen in Frankfurt und Höchst
bzw. Darmstadt sowie die zwischen Mainz und Frankfurt, dies nicht zuletzt
wegen der in diesen beiden Städten als eigenständige konspirative
Zellen in die SAP-Konspiration eingeklinkten Trotzkisten. Die Zentrale
für Süd- und Südwestdeutschland befand sich in Mannheim,
von wo aus auch die Verbindungen zur illegalen Reichsleitung in Berlin
sowie zur Auslandsleitung in Prag, ab Sommer 1933 dann in Paris liefen.
Seit dem Herbst 1934 sorgte der spätere südhessische SPD-Vorsitzende,
Staatssekretär und Chef der hessischen Staatskanzlei Willi Birkelbach
für die Realisation der Kurierverbindung zwischen Frankfurt und Mannheim.
Aus dem Ausland wurden die SAP-Publikationsorgane "Das Banner der
revolutionären Einheit" und die "Neue Front. Organ für
proletarisch-revolutionäre Sammlung" bezogen. Von der Herstellung
eigener Flugblätter wurde indessen wegen des damit verbundenen hohen
Verhaftungsrisikos im Rhein-Main-Gebiet bald wieder Abstand genommen.
Während die Gesamtzahl der SAP-Aktivisten in Deutschland im Sommer
1934 bereits auf vermutlich weniger als ein Drittel zusammengeschmolzen
war, wurde die SAP-Struktur im Rhein-Main-Gebiet erst zwischen 1935 und
1938 durch eine Serie von Verhaftungsschlägen zerrieben. Allein im
Bereich Frankfurts kam es zu an die dreißig Festnahmen, Indiz gleichzeitig
auch dafür, dass dort längst nicht alle Mitstreiter entdeckt
worden waren. Zu den in der Region fortbestehenden kleineren Resistenzkernen
der SAP versuchte Rolf Wenzel von der früheren Führungsgruppe
weiterhin Kontakt zu halten, bis auch er im Frühjahr 1939 verhaftet
wurde.
In der KPD-Opposition (KPO) waren zu Beginn des
"Dritten Reiches" mindestens 3.000 Kommunisten organisiert,
die nahezu geschlossen die konspirative Arbeit aufnahmen.[36]
Aber im Zuge der ersten Verhaftungswelle, welche die Kleinpartei im Sommer
1933 traf, fielen reichsweit bereits annähernd 600 ihrer Aktivisten
aus. Im Rhein-Main-Gebiet bestanden Widerstandsstützpunkte lediglich
in Frankfurt und Offenbach.[37] In
der Mainmetropole waren etwa 20 Mitglieder konspirativ tätig, zumeist
Linksintellektuelle und Erwerbslose, die aber über Kontaktleute in
verschiedenen Betrieben verfügten. Das dort herausgebrachte illegale
Publikationsorgan trug den programmatischen Titel "Die Einheit. Diskussionsorgan
des Klassenkampfs" und erschien monatlich jeweils nur in Auflagen
von 100 bis 200 Exemplaren. Nach nur zehn Ausgaben musste sein Erscheinen
noch 1933 wieder eingestellt werden. Zusätzlich wurden in Frankfurt
und in Offenbach das Periodikum "Gegen den Strom. Organ der KPD (Opposition)"
und weitere antinazistische Schriften verbreitet, die sowohl von der illegalen
Reichsleitung in Berlin als auch über den Stützpunkt im Saargebiet
vom Auslandskomitee in Straßburg, bald darauf in Paris bezogen wurden.
Die Offenbacher Gruppe, in der - wie in Frankfurt - auch SAP-Leute mitarbeiteten,
bestand aus nur rund zehn Personen, zumeist frühere Weggefährten
von Heinrich Galm, vordem Abgeordneter zunächst für die KPD,
dann die KPO und schließlich die SAP im Landtag des Volksstaates
Hessen, nach dem Krieg u.a. SPD-Stadtrat in seiner Heimatstadt.[38]
Der Arbeit der Frankfurter Struktur war schon Anfang 1934 mit der vorübergehenden
Festnahme und anschließenden Flucht ihres Anführers Philipp
Pleß, später u.a. DGB-Landesvorsitzender in Hessen, ein schwerer
Schlag versetzt worden. Die Offenbacher KPO-Konspiration wurde erst 1937
durch die Gestapo zerschlagen, letzte Reste der Frankfurter Gruppe waren
hiervon mit betroffen. Auch Wolfgang Abendroth, der ab 1951 als Professor
für Politische Wissenschaft in Marburg wirkte und dann eine Vielzahl
von Studien zum Widerstand proletarischer Kleinorganisationen anregte
und betreute, wurde Anfang 1937 festgenommen; er hatte bis dahin hauptsächlich
von Frankfurt aus die Verbindung zu Widerstandskreisen der SPD, der KPD,
zu solchen einzelner Gewerkschaften sowie ins Ausland realisiert und gleichzeitig
als hoch konspirativ arbeitender Spitzenkader für die Gruppe "Neu
Beginnen" gearbeitet. Nach der Verbüßung einer vierjährigen
Zuchthausstrafe wurde er ins Strafbataillon 999 gezwungen, konnte jedoch
in Griechenland zu den Partisanen überlaufen, mit denen er zuvor
bereits eine ganze Weile verdeckt kooperiert hatte.[39]
Dem straff führerschaftlich organisierten, einem ethischen, gleichermaßen
antimarxistisch wie antireformistisch ausgerichteten Sozialismuskonzept
verpflichteten InternationalenSozialistischen Kampfbund
(ISK) gehörten am Ende der Weimarer Republik insgesamt nicht
mehr als 200 Mitglieder an; diese konnten sich auf ein Sympathisantenumfeld
stützen, das 600 bis maximal 1.000 Personen umfasste.[40]
Rund ein Drittel der Mitglieder waren Frauen. Zur Vorbereitung der konspirativen
Arbeit wurde der ISK im Frühjahr 1933 formell für aufgelöst
erklärt und auf das Fünfergruppensystem umgestellt. Etwa drei
Viertel seiner Mitglieder bzw. Sympathisanten waren zur Aufnahme des Widerstandes
bereit. Nach der Devise, dieser sei nur sinnvoll, wenn er sichtbar ist,
trat die Organisation fortan durch recht spektakuläre antinazistische
Propagandaaktionen hervor. Außerdem wurden u.a. die in Paris von
Willi Eichler, dem im Herbst 1933 nach dort emigrierten Führer der
Kaderorganisation, herausgegebenen "Neuen Politischen Briefe"
in Deutschland illegal verbreitet, die nach dessen Tarnnamen später
"Reinhart-Briefe" genannt wurden. Der Transfer des Propagandamaterials
ins Rhein-Main-Gebiet erfolgte nicht selten durch Binnenschiffer. Noch
1935/36 gliederte sich die reichsweite Widerstandsstruktur des ISK in
sechs Bezirkseinheiten, darunter der Bezirk Frankfurt/Rhein-Main-Gebiet
mit Stützpunkten in Frankfurt, Offenbach, Mainz und Worms. Der größte
dieser Stützpunkte war Frankfurt mit drei, zeitweise sogar bis zu
sieben Fünfergruppen. Der regionale Leiter der Struktur war Ludwig
Gehm[41], der zudem Kontakte unterhielt
zum Widerstand u.a. von SAP und KPO. Die Frankfurter Vegetarische Gaststätte
des ISK diente - wie die in Köln, Berlin und Hamburg - der Finanzierung
der konspirativen Arbeit, aber auch als Anlaufstelle für Geheimkuriere
bzw. als Depot für illegales Material. Geschäftsführerin
war Anna Beyer[42], die dort zugleich
einen Mittagstisch für jüdische Bürgerinnen und Bürger
unterhielt. Die Gruppen im Rhein-Main-Gebiet wurden 1936 zerschlagen,
bis 1938 auch die reichsweiten Widerstandsstrukturen. Gehm wurde nach
Verbüßung einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren u.a. noch im
KZ Buchenwald inhaftiert und später mit dem Strafbataillon 999 u.a.
in Griechenland eingesetzt, wo er zu den Partisanen überlief; nach
der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wirkte er vor allem als
Organisationssekretär im SPD-Unterbezirk Frankfurt sowie als Stadtverordneter.
Anna Beyer hatte über Belgien nach Frankreich, dann in die Schweiz
und schließlich nach England entkommen können, wo sie sich
im Rahmen der Jugendarbeit der Landesgruppe Deutscher Gewerkschafter in
Großbritannien engagierte; im Sommer 1944 wurde sie als Teil einer
Spezialeinheit über Frankreich abgesetzt und kam dort mit der Résistance
in Berührung; nach dem Krieg wurde sie in Frankfurt Stadträtin
sowie Mitglied des SPD-Bezirksvorstandes Hessen-Süd.
Die Gruppe "Neu Beginnen" arbeitete
von Anfang an, d.h. seit 1929/30, und ausgehend von Berlin streng konspirativ,
um innerhalb von SPD und KPD, ebenso in der KPO und in den Gewerkschaften
unauffällig für den Einheitsfront-Gedanken zu werben.[43]
Aus diesem Grund wurde auch auf eine bestimmte Organisationsbezeichnung
verzichtet; statt dessen wurden sogar intern nur bestimmte Kürzel
verwandt, so "O" oder "Org" für "Organisation"
bzw. "LO" für "Leninistische Organisation". Selbst
untereinander wurden Decknamen benutzt. 1933 verfügte die Gruppe
reichsweit über lediglich knapp 100 Anhänger im konspirativen
Kernbereich, später wuchs diese Zahl auf etwa 150 an. Hinzu kam aber
noch ein Kontingent von rund 200 bis 300 Sympathisanten und Informanten
an der Peripherie der Gruppe. Aus Sicherheitsgründen wurde die Bearbeitung
des KPD-Apparates bald gestoppt. Demgegenüber wurde nun verstärkt
die Kooperation mit bürgerlich-demokratischen Antinazi-Kreisen gesucht.
Verbindungen führten u.a. auch zu Gruppen der Religiösen Sozialisten
sowie zu etlichen gewerkschaftlichen Widerstandsstrukturen. Unter dem
Pseudonym "Miles" erschien im Herbst 1933 in der Tschechoslowakei
die programmatische Schrift "Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus.
Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands"[44].
Verfasser war Walter Loewenheim, Initiator, theoretischer Kopf und bis
1934 unangefochtener Führer der Gruppe. Seither gaben das Verfasserpseudonym
wie auch die Titulatur dieser Publikation der Organisation ihren Namen.
Unter dem Tarntitel "Über Religion" von Arthur Schopenhauer
wurde die Schrift in 5.000 Exemplaren nach Deutschland eingeschmuggelt
und weit über den eigenen Strukturbereich hinaus im antinazistischen
Untergrund verbreitet, wo sie für lebhafte Diskussionen sorgte. Antifaschistischer
Massenpropaganda wurde gleichwohl eine entschiedene Absage erteilt. "Neu
Beginnen" war auf eine langfristige Perspektive konspirativer Arbeit
eingestellt: Nach der Niederringung des Faschismus sollte zunächst
eine bürgerlich-demokratische Republik errichtet werden, dies freilich
nur als Zwischenschritt hin zur weiterhin angestrebten sozialistischen
Republik. Im Rhein-Main-Gebiet war "Neu Beginnen" in Offenbach
und Frankfurt verankert. Von dort aus führten konspirative Verbindungen
über die Auslandsleitung zur Inlandszentrale in Berlin und außerdem
unmittelbar zum knapp ein Dutzend Mitstreiter zählenden Stützpunkt
in Mannheim/Ludwigshafen; dieser wurde allerdings schon im Februar 1934
durch die Festnahme seines Leiters sowie dreier seiner Mitstreiter so
schwer getroffen, dass die Arbeit dort eingestellt werden musste. Überregionale
Kontakte realisierte von Frankfurt aus der schon erwähnte Wolfgang
Abendroth, der darüber hinaus in seiner Heimatstadt besonders den
sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen sowie weiterhin - dies konträr
zur offiziellen Linie - auch den kommunistischen Untergrund im Sinne der
Einheitsfront-Politik zu bearbeiten suchte. In die im Exil produzierten
Lageberichte der Gruppe flossen wenigstens bis 1936 u.a. mehrere Berichte
aus Frankfurt ein, vereinzelt solche auch aus Koblenz, Mainz, Rheinhessen
und der Pfalz. Bis Mitte der 1930er Jahre war die Gesamtstärke der
Organisation auf etwa 500 Mitglieder angewachsen. Damals stellte jedoch
ein Teil der Gesamtgruppe nach einer heftigen innerorganisatorischen Kontroverse
die Widerstandarbeit ein und wich ins Ausland aus, während eine Mehrheitsgruppe
die konspirativen Aktivitäten fortsetzte. Durch verschiedene Verhaftungsschläge
schwer getroffen, war die Inlandsorganisation 1936 für eine Weile
aktionsunfähig. Die Untergrundarbeit wurde dann zwar wieder aufgenommen,
allerdings nur noch in erheblich reduziertem Umfang. Im Zuge der Zerschlagung
der Gruppe "Deutsche Volksfront"
in Berlin im Herbst 1938, mit der seit dem Vorjahr eng kooperiert worden
war und die ihrerseits über konspirative Verbindungen in ganz Deutschland,
u.a. nach Frankfurt am Main, verfügt hatte, fiel gleichzeitig die
letzte in der Reichshauptstadt operierende Reststruktur in der Tradition
von "Neu Beginnen" aus. Trotzdem bestanden vereinzelte Resistenzkerne
der Kadergruppe besonders im süddeutschen Raum noch bis Anfang der
1940er Jahre fort.
Auch die konspirative Arbeit jener Trotzkisten-Fraktion[45],
die sich seit Herbst 1933 Internationale Kommunisten
Deutschlands (IKD) nannte, war bereits seit dem Vorjahr angebahnt
und nach dem Fünfergruppen-, dann dem Dreiergruppensystem strukturiert
worden. Insgesamt gehörten dieser trotzkistischen Mehrheitsgruppe
zu Beginn des "Dritten Reiches" nur knapp 600 Mitglieder an,
die sich allerdings noch auf ein größeres Sympathisantenumfeld
stützen konnten. Anfänglich verfügten sie über Bezirksgliederungen
in der Reichshauptstadt und u.a. in Mittel-, West-, Südwest- bzw.
Süddeutschland. Daneben existierte eine Minderheitsgruppe, die sich
gleichfalls auf Leo Trotzki berief; diese zählte reichsweit lediglich
80 Anhänger und war hauptsächlich in Berlin und einigen wenigen
weiteren Städten verankert, so etwa in Ludwigshafen; bereits im Frühjahr
1934 wurden deren Strukturen praktisch vollständig zerrieben. Auch
die konspirativen IKD-Kader waren um die Jahreswende 1934/35 auf nur noch
200 Regimegegner zusammengeschmolzen, weniger als ein Viertel davon in
Berlin. Der politisch-ideologischen Unterrichtung und Stabilisierung der
eigenen Anhängerschaft dienten das im Ausland hergestellte Periodikum
"Unser Wort. Wochenzeitung der Internationalen Kommunisten Deutschlands",
desgleichen ein interner "Informationsdienst" sowie diverse
Broschüren und Flugblätter. Im Rhein-Main-Gebiet wirkten lediglich
in Frankfurt und Mainz trotzkistische Widerstandsgruppen der Mehrheitsrichtung[46]:
Die Frankfurter Gruppe, der zunächst noch rund 50 Personen angehörten,
hatte sich fast komplett in die dortige SAP eingeklinkt; auch die fünf
oder sechs Mainzer Trotzkisten wirkten konspirativ in jener proletarischen
Kleinpartei. Beide Stützpunkte kooperierten eng miteinander, verteilten
das von ihrer illegalen Reichsleitung in Berlin bezogene Propagandamaterial,
verschiedentlich aber auch selbst hergestellte Flugschriften und Zeitungen
sowie Materialien der SAP. Nachdem erste Festnahmen bereits im Herbst
1933 erfolgt waren, wurden die IKD-Gruppen im Rhein-Main-Gebiet im Frühjahr
1936 im Zuge einer gegen die SAP gerichteten Aktion zerschlagen. Zwischen
1935 und 1937 wurde reichsweit nahezu die gesamte IKD-Widerstandsstruktur
durch die Gestapo aufgerollt.
Der im Herbst 1932 initiierte "Rote Stoßtrupp"[47],
der sich vornehmlich aus widerstandsgewillten jungen Arbeitern und Studenten
aus dem sozialdemokratischen Organisationsgefüge rekrutierte, war
ebenfalls hauptsächlich in Berlin verankert, unterhielt ferner konspirative
Verbindungen beispielsweise nach Norddeutschland, Sachsen, Schwaben, in
die Pfalz, desgleichen nach Kassel und Frankfurt am Main[48].
Während die Zusammenarbeit mit linientreuen Kommunisten zurückgewiesen
wurde, bestand mit der illegalen Reichsleitung der SAP eine Kooperationsvereinbarung,
und auch mit der KPO und den Trotzkisten wurden konspirative Kontakte
unterhalten. Außerdem gelang es, Verbindungen herzustellen zu bürgerlichen
und kirchlichen Oppositionskreisen sowie zu jüdischen Jugendgruppen.
Von der Sopade in Prag erhielt die Gruppierung, die seit dem Frühjahr
1933 das Publikationsorgan "Der Rote Stoßtrupp" herausbrachte,
finanzielle Zuwendungen für die konspirative Arbeit, obgleich sich
die gegenseitigen politischen Vorbehalte nicht gänzlich überwinden
ließen. Ende 1933 wurde die Gruppenstruktur durch 240 Festnahmen,
in deren Folge es zu ungefähr 180 Verurteilungen kam, weitgehend
zerschlagen. Nicht enttarnte Organisationsreste führten die konspirative
Arbeit gleichwohl fort, allerdings nun unter Verzicht auf die Herstellung
und Verbreitung von Propagandamaterial. Eine Nachfolgeorganisation nannte
sich "Neuer Roter Stoßtrupp" und war u.a. auch in Südwestdeutschland
verankert. Die Stützpunkte in der Pfalz wurden noch im Sommer 1934
von Basel aus betreut. Aber auch dieser Reorganisationsversuch wurde im
Herbst 1935 fast restlos zerschlagen.
Die "Roten Kämpfer" waren
ein geheimbündlerischer Zusammenschluss zumeist jüngerer früherer
Funktionäre der ultralinken Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands
(KAPD) und anderer linksradikaler Sozialisten mit rätekommunistischem
Hintergrund, die - obwohl vielfach zur SPD übergewechselt - einen
eigenständigen organisatorischen Zusammenhalt dennoch bewahren wollten.[49]
Seit Mitte 1932 bereitete sich die inzwischen auf etwa 400 Mitstreiter
geschrumpfte Gruppierung auf die Untergrundarbeit vor. Ihren Namen verdankte
sie ihrer alle zwei Monate erschienenen Zeitschrift "Der Rote Kämpfer",
die im Frühjahr 1936 schließlich in "Der Arbeiterkommunist"
umbenannt wurde. Die "Roten Kämpfer", die sich als intellektuelle
Avantgarde der Arbeiterklasse begriffen und vor allem gegenüber den
beiden großen Arbeiterparteien überaus kritisch eingestellt
waren, verfügten über Stützpunkte in Berlin, wo sich zudem
ihre illegale Reichsleitung befand, im Rhein-Ruhr-Gebiet und in Sachsen,
in Hamburg, Bremen, Stuttgart, Karlsruhe, Frankenthal/Ludwigshafen sowie
in Frankfurt am Main. Da die Gruppierung auf Außenwirkung fast völlig
verzichtete - wobei es lokal oder regional durchaus zu Kontakten mit KPD,
SAP oder ISK kam -, um sich dafür vermehrt mit Strategiediskussionen
zu beschäftigen, stieß die Gestapo erst Ende 1936 im Zuge von
Ermittlungen gegen die KPD auf ihre Spur. In den folgenden Monaten kam
es reichsweit zu rund 150 Festnahmen, womit ihre Organisationsstruktur
zerschlagen war.
Die anarcho-syndikalistische Freie Arbeiter-Union
Deutschlands (FAUD), welche die Umstellung auf die konspirative Arbeit
schon im Frühjahr 1932 beschlossen hatte, verfügte im Jahr darauf
wohl noch über 6.000 bis 10.000 Anhänger insgesamt.[50]
Organisatorische Zentren bestanden in Berlin, in Westdeutschland, Mitteldeutschland
und Südwestdeutschland, dazu in Hamburg, Breslau, Königsberg
und einigen anderen Städten. Indem sie sich am 15. Februar 1933 zum
Schein freiwillig auflöste, kam sie dem drei Wochen später erlassenen
Verbot zuvor. Ihre Geschäftskommission wurde von Berlin zunächst
nach Erfurt, später nach Leipzig verlegt. Die südwestdeutsche
Widerstandsstruktur konzentrierte sich auf Gruppen im Rhein-Main-Gebiet
und im Raum Mannheim/Ludwigshafen.[51]
Letztere waren die größten konspirativ arbeitenden Gruppen
jenes Strukturbereichs überhaupt mit zusammen zwischen 45 und 70
Aktivisten. Die Stützpunkte in Frankfurt, Offenbach, Darmstadt, Münster
bei Dieburg, Mörfelden, Flörsheim und Wiesbaden waren erheblich
kleiner, ebenso die in Worms und in Alzey. Als Leiter der Rhein-Main-Struktur
fungierte bis zu seiner Flucht im Herbst 1933 Gustav Doster aus Darmstadt,
wo sich auch die zentrale Anlaufstelle für Kuriersendungen befand.
Da solche Materiallieferungen immer mit erheblichen Verhaftungsrisiken
behaftet waren, gaben die Mannheim/Ludwigshafener Gruppen 1934 zwei eigene
hektografierte Propagandaorgane heraus: das "Fanal. Revolutionäre-sozialistische
Monatsblätter" sowie "Der Hessische Landbote". Im
Odenwald kamen Abgesandte der diversen Stützpunkte aus der Region
verschiedentlich zu konspirativen Unterredungen zusammen. Ihre überregionalen
Verbindungen reichten u.a. nach Kassel und Leipzig, auch bis ins Saargebiet
sowie nach Amsterdam zur dortigen Exilgruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten
(DAS), die seit Ende 1933 unter Dosters Regie wichtige logistische Funktionen
für die antinazistische Inlandsarbeit der FAUD ausübte. Ende
1934 gelang es der Gestapo infolge einer Denunziation, in die südwestdeutsche
Struktur einzubrechen. In kurzen Abständen erfolgten bis zum Frühjahr
1935 Festnahmen führender Anarchosyndikalisten in Darmstadt, Frankfurt,
Offenbach, Mannheim und Ludwigshafen; später kam es zu weiteren Verhaftungen
in Heilbronn, Ulm, Stuttgart und Göppingen. Während damit die
FAUD südlich der Mainlinie zerschlagen war, wurden ihre konspirativen
Verbindungen reichsweit erst 1937/38 weitgehend zerstört. Bestimmte
Reststrukturen blieben trotzdem erhalten, was sich etwa daran zeigte,
dass den Angehörigen der Inhaftierten die unauffällige Solidarität
und Hilfeleistung ihrer in Freiheit verbliebenen Freunde weiterhin zuteil
wurde.
[30] Ein Sonderfall
stellt hierbei die 1919 gegründete anarcho-syndikalistische Freie
Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) dar, die sich klar von jedem parteipolitischen
Organisationsprinzip distanzierte.
[31] Häufig
dies sogar mit deutlicher Affinität zum Leninismus. Deshalb sollten
sie auch nicht euphemistisch als "linke" oder "linkssozialistische"
Kleinorganisationen bzw. als "linke Splittergruppen" oder aber
als - was ebenfalls oft genug geschieht - dem sozialdemokratischen Organisationsgeflecht
zugehörig deklariert werden.
[32] Siehe hierzu
den exzellenten Gesamtüberblick: Jan Foitzik: Zwischen den Fronten.
Zur Politik, Organisation und Funktion linker politischer Kleinorganisationen
im Widerstand 1933 bis 1939/40 unter besonderer Berücksichtigung
des Exils. Bonn 1986 (Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung
- Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 16).
[33] Siehe die
knappe Überblicksdarstellung zur Situation in Hessen: Barbara Bromberger:
Widerstand linkssozialistischer Kleinorganisationen, in: Knigge-Tesche,
Ulrich (wie Anm. 2) S. 179-197.
[34] Jörg
Bremer: Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Untergrund
und Exil 1933-1945. Frankfurt/M., New York 1978; Foitzik (wie Anm. 32)
S. 23 f., 47-59, 101 f., 108-122, 176 ff. u. 203 ff.
[35] Bromberger
(wie Anm. 33) S. 181-185; siehe auch die autobiografischen Berichte: Peter
Lang: Mein Leben in der Arbeiterbewegung. Molkenborn 1974 (hektografiertes
Typoskript); Fritz Schmidt: SAP in Höchst für Einheitsfront,
in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 192-196; Willi Birkelbach: Fazit. Gelebt -
Bewegt. Unter Mitarbeit von Luise Maria Dreßler. Marburg 2000; siehe
auch: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand der SAP in Hessen sowie
im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 169
u. Nr. 300.
[36] Siehe hierzu
vor allem: Karl Hermann Tjaden: Struktur und Funktion der "KPD-Opposition"
(KPO). Eine organisationssoziologische Untersuchung zur "Rechts"-Opposition
im deutschen Kommunismus zur Zeit der Weimarer Republik. Erlangen 1970
(Politladen-Reprint, No. 6); Theodor Bergmann: "Gegen den Strom".
Die Geschichte der Kommunistischen-Partei-Opposition. Hamburg 1987; Foitzik
(wie Anm. 32) S. 24 f., 60-65, 102 f., 122 ff. u. 176 ff.
[37] Bromberger
(wie Anm. 33) S. 185-188; siehe hierzu auch meinen Beitrag: Philipp Pleß
und die Frankfurter Gruppe "Einheit", in: Ulrich (wie Anm. 29)
S. 214-217; ebenso: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand der KPO
mit Schwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 312.
[38] Heinrich Galm:
Ich war halt immer ein Rebell. Politische Erinnerungen von Heinrich und
Marie Galm, nach Gesprächen zusammengestellt von Werner Fuchs u.
Bernd Klemm. Hrsg.: Studienkreis "Geschichte der Offenbacher Arbeiter
und ihrer Organisationen". 2. Aufl. Offenbach 1981.
[39] Wolfgang Abendroth:
Ein Leben in der Arbeiterbewegung. Gespräche, aufgez. u. hrsg. von
Barbara Dietrich u. Joachim Perels. Frankfurt/M. 1976; Ders.: 999er kämpfen
mit den griechischen Partisanen, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 294-297.
[40] Werner Link:
Die Geschichte des Internationalen Jugend-Bundes (IJB) und des Internationalen
Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung
in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Meisenheim am Glan 1964
(Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, Bd. 1); Sabine Lemke-Müller
(Hrsg.): Ethik des Widerstands. Der Kampf des Internationalen Sozialistischen
Kampfbundes (ISK) gegen den Nationalsozialismus. Quellen und Texte zum
Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933-1945. Bonn 1996; Foitzik (wie
Anm. 32) S. 29, 85 ff. u. 155 ff.
[41] Antje Dertinger:
Der treue Partisan. Ein deutscher Lebenslauf: Ludwig Gehm. Bonn 1989;
zum ISK im Rhein-Main-Gebiet siehe auch: Bromberger (wie Anm. 33) S. 188-192..
[42] Siehe hierzu
den autobiografischen Bericht: Anna Beyer: Mit dem Frankfurter ISK im
Widerstand, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 202-205; ebenso: Dies.: Meine
Jahre im Exil, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 247-249; Dies.: Politik ist
mein Leben. Hrsg.: Ursula Lücking. Frankfurt/M. 1991.
[43] Walter Loewenheim:
Geschichte der Org [Neu Beginnen] 1929-1935. Eine zeitgenössische
Analyse. Hrsg.: Jan Foitzik. Berlin 1995 (Schriften der Gedenkstätte
Deutscher Widerstand, Reihe B: Quellen und Berichte, Bd. 1); Richard Löwenthal:
Die Widerstandsgruppe "Neu Beginnen". Hrsg.: Informationszentrum
Berlin/Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße. Berlin
1982 (Beiträge zum Thema Widerstand, 20); Kurt Kliem: Der sozialistische
Widerstand gegen das Dritte Reich, dargestellt an der Gruppe "Neu
Beginnen". Phil. Diss. Marburg 1957; Konstanze Wegner: Die Gruppe
"Neu Beginnen", in: Matthias, Weber (wie Anm. 20) S. 233-243;
Foitzik (wie Anm. 32) S. 26 ff., 70-85, 130-140, 185 ff., 202 f. u. 211
ff.; Bernd Stöver (Bearb.): Berichte über die Lage in Deutschland.
Die Lagemeldungen der Gruppe Neu Beginnen aus dem Dritten Reich 1933-1936.
Bonn 1996 (Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 17); siehe auch:
Bromberger (wie Anm. 33) S. 192-195. - Zur Gruppe "Deutsche Volksfront",
auch als "10-Punkte-Gruppe" bekannt, siehe: Hermann Brill: Gegen
den Strom. Offenbach 1946 (Wege zum Sozialismus, Heft 1); Foitzik (wie
Anm. 32) S. 211 ff.
[44] Abgedruckt
in: Kurt Klotzbach (Hrsg.): Drei Schriften aus dem Exil. (Miles: Neu Beginnen!
- Otto Bauer: Die illegale Partei - Curt Geyer: Die Partei der Freiheit).
Berlin, Bonn-Bad Godesberg 1974 (Internationale Bibliothek, Bd. 76), S.
1-88.
[45] Wolfgang Alles:
Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930. Frankfurt/M.
1987; Foitzik (wie Anm. 32) 25 f., 65-69, 103, 125-130 u. 176 ff.
[46] Axel Ulrich:
Arbeitereinheitsfront gegen den Faschismus? Zum Widerstand von Trotzkisten
gegen das NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung des Rhein-Main-Gebietes,
in: Mainzer Geschichtsblätter. Veröffentlichungen des Vereins
für Sozialgeschichte Mainz. Heft 12: Mainz, Wiesbaden und Rheinhessen
in der Zeit des Nationalsozialismus. Mainz 2000, S. 101-134; siehe auch:
Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand von Linke Opposition der KPD
(Bolschewiki-Leninisten)/Internationale Kommunisten Deutschlands [Trotzkisten],
StadtA WI Best. NL 75 Nr. 260, 261 u. 263.
[47] Rudolf Küstermeier:
Der Rote Stoßtrupp. Hrsg.: Informationszentrum Berlin/Gedenk- und
Bildungsstätte Stauffenbergstraße. 3. Aufl. Berlin 1980 (Beiträge
zum Widerstand, 3); Foitzik (wie Anm. 32) S. 149 f. u. 192 f.; siehe auch:
Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand des "Roten Stoßtrupps"
sowie des "Neuen Roten Stoßtrupps", StadtA WI Best. NL
75 Nr. 1027.
[48] Mausbach-Bromberger
(wie Anm. 28) S. 67 u. S. 103.
[49] Olaf Ihlau:
Die Roten Kämpfer. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung
in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Meisenheim am Glan 1969
(Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, Bd. 14); Foitzik
(wie Anm. 32) S. 32 f., 90 f. u. 159 f.; siehe auch: Materialsammlung
A. Ulrich zum Widerstand der "Roten Kämpfer", StadtA WI
Best. NL 75 Nr. 258.
[50] Siehe hierzu
z.B.: Hartmut Rübner: Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union
Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus. Berlin,
Köln 1994 (Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte, Bd. 5);
Andreas G. Graf, DieterNelles: Widerstand und Exil deutscher Anarchisten
und Anarchosyndikalisten (1933-1945), in: Rudolf Berner: Die unsichtbare
Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937). Hrsg.:
A. D. Graf, D. Nelles. Köln 1997 (Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte,
Bd. 7), S. 71-129; Andreas G. Graf: Selbstbehauptung und Widerstand deutscher
Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten, in: Ders. (Hrsg.): Anarchisten
gegen Hitler. Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten, Rätekommunisten
in Widerstand und Exil. Berlin 2001, S. 35-61; Foitzik (wie Anm. 32) S.
29 ff., 88 ff. u. 158 f.
[51] Axel Ulrich:
Syndikalistischer Widerstand in Hessen und im Raum Mannheim-Ludwigshafen,
in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 198-212; siehe auch: Materialsammlung
A. Ulrich zum dortigen Widerstand der FAUD-(Anarcho-Syndikalisten), StadtA
WI Best. NL 75 Nr. 164-166.
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Gewerkschaftliche Widerstandsgruppen
Auch Organisationsreste der von den Nazis im Frühjahr 1933 zerschlagenen
Gewerkschaftsverbände nahmen sehr bald die konspirative Arbeit gegen
das "Dritte Reich" auf. Grundsätzlich gab es dabei zwei
unterschiedliche Vorgehensweisen bzw. Strukturformen: Entweder gingen
die Aktivitäten von Teilen der Verbandsbasis aus, d.h. Funktionäre
unterer bzw. mittlerer Organisationsebenen und engagierte Mitglieder ergriffen
auf betrieblicher Ebene sowie im lokalen oder regionalen Rahmen die Initiative,
oder aber Funktionäre der oberen Strukturebenen versuchten, der vollständigen
Unterdrückungssituation gleichfalls angepasste Organisationsformen
herauszubilden, wobei von vornherein eine überregionale bzw. reichsweite
Ausdehnung angestrebt wurde. Hier wie dort ging es mindestens um die Aufrechterhaltung
bestimmter Gruppenstrukturen, um Schaffung informeller Kontaktnetze zur
Durchbrechung des faschistischen Informationsmonopols sowie um den Versuch
einer weiteren, jetzt jedoch verdeckten Interessenwahrnehmung im Sinne
der lohnabhängig Beschäftigten, wenngleich all dies in nun arg
reduzierter Form. In beiden Fällen erfolgte dieser Widerstand in
der Regel in enger Kooperation mit so genannten Auslandsleitungen oder
Exilgruppen bzw. mit Unterstützung der jeweiligen Internationalen
Berufssekretariate. Primärziel all jener Bestrebungen war die Schaffung
bzw. der Erhalt organisatorischer Kristallisationskerne für regimekritische
Gewerkschaftsmitglieder, damit diese im geeigneten Moment, d.h. in einer
Streik-, wenn nicht gar Umsturzsituation, ihrerseits als Ansprechpartner
für weitere aktionsgewillte Belegschaftsangehörige bzw. auch
für andere antinazistische Personengruppen dienen könnten. Solche
Aktivitäten zielten generell weit über den unmittelbaren betrieblichen
Bereich sowie den sozialpolitischen Kontext hinaus. Seinem Selbstverständnis
nach war gewerkschaftlicher Widerstand gegen das "Dritte Reich"
immer zugleich politischer Widerstand, ein Faktum, das übrigens auch
von der NS-Verfolgerseite nie anders gesehen wurde.[52]
Auch für das Rhein-Main-Gebiet sind eine Vielzahl gewerkschaftlicher
Widerstandsaktivitäten nachweisbar, wobei allerdings im Rahmen dieses
Beitrages nur einige wenige Beispiele vorgestellt werden können:
Zu nennen sind zunächst zwei miteinander kooperierende Jugendgruppen
des Zentralverbandes der Angestellten (ZdA) in
Frankfurt und Darmstadt.[53] Die Frankfurter
ZdA-Jugend hatte unter Anleitung von Paul Müller, seinerzeit zuständig
für die Jugend- und Bildungsarbeit im Gau Hessen, bereits 1932 damit
begonnen, sich durch die Bildung von Fünfergruppen und die Einübung
konspirativer Techniken auf die Untergrundarbeit vorzubereiten. Wie auch
die Darmstädter Gruppe operierte sie auf der Basis des Einheitsfront-Gedankens,
d.h. in beiden Gruppen agierten Mitglieder von SPD, KPD, SAP sowie Trotzkisten
bzw. solche aus deren Jugendorganisationen. In Frankfurt umfasste die
eigentliche Widerstandsstruktur bis zu 100 ZdA-Jugendliche, etwa die gleiche
Anzahl zählte zu ihrer Peripherie. In Darmstadt waren lediglich sechs
oder sieben Jungangestellte in die konspirative Arbeit eingebunden. Gelegentliche
Treffen beider Gruppen dienten vor allem Schulungszwecken oder wurden
genutzt, um Wehrsportübungen durchzuführen. In Frankfurt wurden
antinazistische Flugblätter angefertigt und verteilt, aber auch Materialien
diverser politischer Gruppierungen verbreitet. Diese wurden zum Teil aus
dem Ausland bezogen und ebenso an die Darmstädter Gruppe weitergeleitet.
Als Kurierin fungierte Maria Weingärtner aus Griesheim. 1934 trat
die Frankfurter Gruppe mit einem eigenen hektografierten Presseorgan hervor:
"Der junge Kämpfer", der in Kooperation mit Jungkommunisten
sowie in loser Verbindung zu Wolfgang Abendroth in einer Auflage von rund
500 Stück produziert wurde; über die kommunistische Schiene
wurde die Zeitung bis nach Mainz verbreitet. Wegen Verhaftungen im Herbst
des gleichen Jahres konnte die zweite Ausgabe schon nicht mehr erscheinen.
Paul Grünewald, der konspirative Leiter der Frankfurter Gruppe, hat
die Zielsetzung des Widerstandes der ZdA-Jugendlichen im Nachhinein wie
folgt umrissen: Es sei darum gegangen, "1. möglichst viele Jugendliche
aus" den eigenen "Reihen dem faschistischen Einfluss fernzuhalten;
2. einen engeren Kreis in Zirkeln zu erfassen und politisch zu schulen;
3. einen noch engeren Kreis in engste Zusammenarbeit mit den großen
illegalen Apparaten zu bringen."[54]
Von dem Verhaftungsschlag gegen beide Gruppen waren etwa 30 Gewerkschaftsjugendliche
betroffen. Gegen 21 von ihnen wurde Anklage erhoben. Acht, davon zwei
Frauen, wurden zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Obwohl
bei weitem nicht die gesamte Gruppenstruktur aufgedeckt worden war, erlosch
damit die Widerstandsarbeit dieser beiden ZdA-Jugendgruppen.
Gleichfalls seit 1933 waren in verschiedenen Betrieben in Frankfurt und
Umgebung gewerkschaftliche Widerstandszellen aktiv, die entweder früh
mit den Sozialdemokraten bzw. Mitgliedern oder Funktionären des verbotenen
Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) Fredi Faatz, Hans Lutz, Georg
Bender und Otto Meyer in Berührung gekommen oder die von diesen sogar
initiiert worden waren.[55] Jene Aktivisten
standen in konspirativem Kontakt mit dem emigrierten früheren Frankfurter
ADGB-Sekretär und Reichsbannerführer Anton Döring, der
ab 1930 zugleich dem Exekutivkomitee des Generalrats der Internationalen
Transportarbeiter-Föderation (ITF) angehörte. Er und einige
seiner Kollegen hatten 1933 Hals über Kopf flüchten müssen,
nachdem ihre Vorbereitungen zur bewaffneten antinazistischen Gegenwehr
der Frankfurter Arbeiterschaft offenbar geworden waren. Um den Aufbau
einer Widerstandsorganisation für ganz Südwestdeutschland zu
besprechen, wurden verschiedentlich Reisen zu Döring in die Schweiz
unternommen, wobei Unterstützungsgelder überbracht und die Details
des konspirativen Vorgehens wie etwa der Informations- und Materialaustausch
geregelt wurden. Im Frühjahr 1934 stand die gewerkschaftliche Exilgruppe
um Döring noch in Verbindung mit vier Frankfurter Widerstandsgruppen,
die ihrerseits über Kontakte verfügten zu Gesinnungsfreunden
in Offenbach und Darmstadt; die größte jener Frankfurter Gruppen
soll immerhin 60 Personen umfasst haben. Beispielsweise liefen konspirative
Verbindungen über den früheren ZdA-Funktionär Paul Müller
zur Widerstandsstruktur der Jungangestellten sowie über Wolfgang
Abendroth zum "Neu Beginnen"-Stützpunkt in der Mainmetropole.
Aus der Schweiz wurde das dort hergestellte Funktionärsorgan "Der
Funke. Informations- und Diskussionsorgan der Freigewerkschafter in Südwest-Deutschland",
das der Widerstandsstruktur dann ihren Namen gab, ins Rhein-Main-Gebiet
eingeschleust und in Frankfurt, Offenbach, Mainz, Wiesbaden, Darmstadt,
auch in Gießen, Mannheim und Heidelberg verbreitet. Seit Anfang
1935 erschienen zudem zeitweilig als Beilage des "Funken" die
"AfA-Nachrichten. Allgemeiner Freier Angestelltenbund - Bezirk Südwestdeutschland".
Für die Belieferung von u.a. Mainz mit jenem Material waren Aktivisten
des ZdA zuständig.[56] 1937 wurde
in Betrieben des Rhein-Main-Gebietes eine Solidaritäts- bzw. Geldsammlung
für in Spanien gegen den Faschismus kämpfende Gesinnungsgenossen
durchgeführt. Wegen der Festnahme ihrer führenden Funktionäre
und etlicher ihrer engsten Mitstreiter wurde die Inlandsarbeit der "Funken"-Gruppe
im Frühjahr 1938 komplett lahmgelegt.
Außerdem verfügten zwei kleinere Gewerkschaften auch über
entsprechende Verbindungen im Rhein-Main-Gebiet: So sammelte der Verband
der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter (VNG) innerhalb seiner
früheren Mitgliedschaft ebenfalls unverfälschte Nachrichten
u.a. zur betrieblichen und sozialpolitischen Situation im "Dritten
Reich" und leitete diese an die Internationale Union der Organisationen
der Arbeiter und Arbeiterinnen der Lebens- und Genussmittelindustrie weiter.[57]
Später kam antinazistische Propagandaarbeit hinzu. Beispielsweise
wurde anlässlich der faschistischen "Vertrauensleutewahlen"
zur Stimmenthaltung aufgerufen. Widerstandsaktivitäten von VNG-Gewerkschaftern
sind in dieser Region und ihrem Einzugsbereich belegt für Frankfurt,
Darmstadt, Mannheim, Koblenz und Mainz. An einer Unterredung konspirativ
arbeitender VNG-Gewerkschafter in Zürich im Juli 1935 nahmen Vertreter
hauptsächlich aus Berlin und Umgebung sowie aus Frankfurt am Main
teil. Spätestens Ende 1938 waren die konspirativen Strukturen des
VNG reichsweit vollständig zerschlagen, nachdem schon in den Jahren
zuvor verschiedene Verhaftungsschläge erfolgt waren. Der Zentralverband
der Hotel-, Restaurant- und Caféangestellten (ZVHRC), der vordem
lediglich verdeckte informelle Kontakte zu einigen seiner früheren
Funktionäre, z.B. in Frankfurt, hatte aufrechterhalten können,
reaktivierte im Juni 1935 seine "Gastwirtsgehilfen-Zeitung".
Das Monatsperiodikum wurde im Wesentlichen durch die Internationale Union
der Hotel-, Restaurant- und Caféangestellten (IUHRC) sowie die
französische Lebensmittelarbeitergewerkschaft finanziert.[58]
Es wurde im Ausland in einer Gesamtauflage, die 200 Stück nie überschritten
haben dürfte, produziert und schließlich an rund 100 Gewerkschafter
in ganz Deutschland versandt, darunter an acht Bezieher in Frankfurt am
Main. Dort wurden auch wiederholt Gelder zur Unterstützung der Reorganisationsansätze
im Exil gesammelt. Das konspirative Verbindungsnetz des ZVHRC kam freilich
aus dem Stadium eines oppositionellen Lesezirkels nicht hinaus. Der Aufbau
eines funktionsfähigen Vertrauensleutenetzes misslang. Die riskante
Zustellung des Verbandsorgans per Post führte schon im Juli 1935
in Frankfurt, bald darauf auch in anderen Städten zu ersten Festnahmen.
Im Herbst 1936 gelangte die Gestapo in den Besitz der kompletten Bezieherliste
der "Gastwirtsgehilfen-Zeitung". Trotzdem konnten Reste der
Frankfurter Gruppe erst im März 1938 aufgerieben werden.
Eine der größten und zugleich effektivsten Widerstandsorganisationen
überhaupt war die des Einheitsverbandes
der Eisenbahner Deutschlands (EdED).[59]
Sie wurde geleitet von Hans Jahn, bis 1933 Sekretär der Organisationsabteilung
im Vorstand des Verbandes und seit Herbst jenes Jahres zugehörig
zum harten Kern der Illegalen Reichsleitung der Gewerkschaften. Ende 1933
begannen er und einige weitere Funktionäre damit, systematisch ein
konspiratives Vertrauensleutenetz zu knüpfen, das bald reichsweite
Ausdehnung besaß. Nachhaltig unterstützt wurden jene Aktivitäten
von der ITF und deren Generalsekretär Edo Fimmen. Es wurden Fluchtwege
für Verfolgte organisiert, außerdem Informationen vor allem
zur Situation in den Reichsbahnbetrieben beschafft, dazu Lage- und Stimmungsberichte
zur Aufklärung des Auslandes über die Verhältnisse im faschistischen
Deutschland erstellt und dann weitergeleitet. Umgekehrt wurden meist von
den Niederlanden aus, ebenso aus dem Saargebiet per Bahn sowie über
die Seehäfen und Wasserstraßen antinazistische Propagandaschriften
nach Deutschland eingeschleust. Ab 1936 wurde zudem das Funktionärsorgan
"Fahrt-frei für den Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands,
Sektion der ITF" in einer Auflage von monatlich 500 Stück produziert.
Später kam es zur Zusammenarbeit mit dem ISK und mit "Neu Beginnen".
Mitte der 1930er Jahre verfügte die Kaderorganisation über fast
140 Stützpunkte mit annähernd 300 Stützpunktleitern und
mehr als 1.300 Funktionären in ganz Deutschland. Im Rhein-Main-Gebiet
bestand eine Verankerung in Frankfurt, Darmstadt, Mainz, Wiesbaden und
Rüsselsheim, dort mit unmittelbarer Anbindung an die Opel-Werke.
Mainz beispielsweise, wo Konrad Roth Vertrauensleute angeworben hatte,
wurde alle ein bis zwei Wochen konspirativ kontaktiert. Auch die Verbindung
mit Heinrich Engel in Darmstadt, zuständig für den illegalen
Gau Hessen-Nassau, zu dem außer den Stützpunkten im Rhein-Main-Gebiet
auch die in Fulda und Bingen gehörten, wurde in regelmäßigen
Abständen durch Hugo Bachmann im Zuge seiner reichsweiten Kuriertätigkeit
realisiert. Nachdem Jahn im Anschluss an eine Ostern 1935 in Roskilde
in Dänemark durchgeführte geheime Funktionärskonferenz
der ITF durch die Gestapo vorübergehend festgenommen worden war,
nach seiner irrtümlichen Freilassung aber umgehend ins Ausland zu
fliehen vermocht hatte, leitete er seine Widerstandsorganisation von den
Niederlanden, später von Belgien bzw. Luxemburg aus. Während
die konspirativen Strukturen der an der Konferenz ebenfalls beteiligten
Gruppen des Gesamtverbandes der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe
und des Personen- und Warenverkehrs kurz darauf zerschlagen wurden, konnte
Jahns Vertrauensleutenetz in Westdeutschland ohne größere Komplikationen
bis 1937 weiterarbeiten. Dann jedoch erfolgte die Festnahme etlicher konspirativer
Spitzenfunktionäre, was zu einer kurzen Periode des Stillhaltens
führte. Nachdem eine Sondierung erbracht hatte, dass die sonstigen
Verbindungen, auch die ins Rhein-Main-Gebiet, nicht in Mitleidenschaft
gezogen worden waren, wurde umgehend die Rekonstruktion der Untergrundorganisation
und die Reaktivierung der Kader vorgenommen. Der süddeutsche Strukturbereich
ging indessen 1938 hoch. Zu jener Zeit hatten Jahns Mitstreiter längst
die Gewinnung von Meldungen über die deutschen Kriegsvorbereitungen
ins Zentrum ihrer Aktivitäten gerückt. Solche Nachrichten erreichten
Jahn u.a. auch aus Darmstadt. Mit Kriegsbeginn wurden die EdED-Aktivitäten
um Formen zum Teil höchst effektiver Sabotage erweitert. Bis Anfang
1940 funktionierte der verbliebene konspirative Apparat relativ reibungslos,
auch die Verbindung nach Frankfurt am Main war noch weitgehend intakt.
Gleichwohl erlahmte der Widerstand der EdED-Kader nun allmählich.
Dies wurde nicht zuletzt verursacht durch die zahlreichen Einberufungen
zur Wehrmacht wie durch den zunehmenden Austausch von zivilem Bahnpersonal
durch Militär. Sogar als den Nazis nach der Besetzung Luxemburgs
Listen in die Hände fielen, aus denen der beeindruckende Umfang von
Jahns Widerstandsorganisation deutlich hervorging und wodurch es zu 120
Festnahmen in ganz Deutschland kam, konnte die konspirative Gesamtstruktur
nicht vollends aufgedeckt werden. Auch im Rhein-Main-Gebiet kam es zu
Festnahmen; da den Betroffenen aber nichts nachzuweisen war, wurden sie
bald darauf wieder auf freien Fuß gesetzt. Bestimmte Gruppenstrukturen
oppositioneller Eisenbahnergewerkschafter bestanden selbst dann noch weiter
fort, etwa im Reichsbahnausbesserungswerk Frankfurt-Nied, wo die rund
40-köpfige Widerstandsgruppe bis zum Kriegsende stabil blieb. Solchen
Strukturkernen war eine wichtige Rolle zugedacht im Rahmen des Vorhabens
Wilhelm Leuschners und seiner Mitstreiter, als flankierende Maßnahme
eines vom Militär durchgeführten Staatsstreichs den Generalstreik
auszurufen. Jedenfalls sollen in Mainz, einem der strategisch wichtigsten
Verkehrsknotenpunkte Deutschlands, durch Anton Calujek und einige andere
Eisenbahnergewerkschafter 1944 in der Tat die erforderlichen Vorbereitungen
zu einem Eisenbahnerstreik als Initialzündung für einen Generalstreik
getroffen worden sein.[60] Im Zusammenhang
mit dem "20. Juli" soll auch zumindest im Reichsbahnausbesserungswerk
Mainz ein spontaner Streik ausgebrochen sein.[61]
Ähnliche Überlegungen waren übrigens von Leuschner bereits
Ende der 1930er Jahre angestrengt worden, als erstmals durch antinazistische
Kreise aus Bürgertum, Arbeiterbewegung und Militär ein Aufstand
gegen Hitler erwogen wurde.[62]
Auch eine Gruppe christlicher Gewerkschafter,
die ab 1937/38 im Rhein-Main-Gebiet wirkte, verfügte später
über eine informelle Verbindung zum zivilen Untergrund der "20.
Juli"-Verschwörung.[63]
Deren Mitglieder entstammten sämtlich den 1933 ebenfalls zerschlagenen
Christlichen Gewerkschaften bzw. der Katholischen Arbeiterbewegung. Es
handelte sich hierbei im gewissen Sinne um eine Sonderform gewerkschaftlichen
Widerstandes, um eine antinazistische Solidargemeinschaft nämlich,
die sich zum oppositionellen Gedankenaustausch traf, illegales Schriftenmaterial
kirchlicher Herkunft vervielfältigte und verbreitete sowie die Angehörigen
verfolgter Gesinnungsfreunde ideell und materiell unterstützte. Im
Frühjahr 1938 wurden 16 Personen aus Frankfurt, Offenbach, Oberursel,
Mainz-Kastel und Mainz verhaftet, fast ausnahmslos Vorstandsmitglieder
katholischer Arbeitervereine. Ohne Anklageerhebung blieben sie monatelang
inhaftiert, in manchen Fällen sogar über ein Jahr lang. Nach
ihrer Haftentlassung bewahrten sie ihren Zusammenhalt als kleiner Zirkel,
obgleich im Regierungsbezirk Wiesbaden seit Anfang 1939 auch alle katholischen
Arbeitervereine aufgelöst waren. Über geheime Informationskanäle
blieben sie überdies an das in ganz Deutschland weit verzweigte Netz
katholischer Oppositioneller angekoppelt. Eine ihrer Verbindungen führte
zu Ferdinand Grün nach Wiesbaden, bis 1933 Sekretär des Bezirksverbandes
der katholischen Arbeiter- und Männervereine, Vorstandsmitglied des
örtlichen Reichsbanners sowie für das Zentrum im dortigen Stadtparlament
und Magistrat; dieser war in einen überparteilichen, gleichwohl bürgerlich-liberal
dominierten Oppositionszirkel eingebunden, der 1945 zu einer Keimzelle
des kommunalpolitischen Wiederaufbaus wurde. Über Josef Arndgen,
vordem Leiter des christlichen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Hessen
und Hessen-Nassau sowie Vorsitzender des Zentralverbandes Christlicher
Lederarbeiter, bestand zudem eine Verbindung zu Willi Richter[64]
in Frankfurt, dem engen Vertrauten Wilhelm Leuschners im Widerstand. Richter
unterrichtete seinen Freund Arndgen zumindest in groben Zügen über
die Umsturzvorbereitungen der Verschwörer des "20. Juli".
Insofern gehörte diese Gruppe christlicher Gewerkschafter potenziell
gleichfalls zu den zahllosen zivilen Kadern, die nach einem Umsturz unverzüglich
hätten aktiviert werden sollen, um dem Unternehmen die erforderliche
demokratische Stoßrichtung zu geben. Im Zuge der reichsweiten Fahndungsaktion
im Anschluss an den "20. Juli" konnte zwar keine Fährte
aufgedeckt werden, die zu Arndgen und seinen Gesinnungsfreunden führte,
gleichwohl wurden er wie auch Grün im August 1944 festgenommen und
für einige Zeit inhaftiert. Seit dem Frühjahr 1945 beteiligten
sich nahezu alle Mitglieder der Gruppe am demokratischen Wiederaufbau.
Ihre politische Heimat fanden sie ausnahmslos in der neu gegründeten
CDU, für die sie vielfach in die Parlamente auf kommunaler, Landes-
bzw. Bundesebene rückten. So fungierte Josef Arndgen beispielsweise
von 1947 bis 1949 als Hessischer Minister für Arbeit und Wohlfahrt.
[52] Siehe hierzu
z.B. die Überblicksdarstellungen: Willy Buschak: "Arbeit im
kleinsten Zirkel". Gewerkschaften im
Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Hamburg 1993; Michael Schneider:
Gewerkschafter unter nationalsozialistischer Diktatur. Verfolgung, Widerstand
und Exil 1933-1945, in: DGB-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der
Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Erschlagen - Hingerichtet - In den Tod
getrieben. Gewerkschafter als Opfer des Nationalsozialismus. Bonn 1995,
S. 9-34; Gerhard Beier: Die illegale Reichsleitung der Gewerkschaften
1933-1945. Köln 1981; dazu aus kommunistischer Perspektive: Jürgen
Harrer: Gewerkschaftlicher Widerstand gegen das "Dritte Reich",
in: Frank Deppe, Georg Fülberth, J. Harrer (Hrsg.): Geschichte der
deutschen Gewerkschaftsbewegung. 4., aktual. u. neu bearb. Aufl. Köln
1989, S. 343-413. - Siehe ebenso die exzellente Edition: Siegfried Mielke,
Matthias Frese (Bearb.): Die Gewerkschaften im Widerstand und in der Emigration
1933-1945. Frankfurt/M. 1999 (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung
im 20. Jahrhundert, Bd. 5).
[53] Siehe hierzu
vor allem die beiden Zeitzeugenberichte: Paul Grünewald: Frankfurter
ZdA-Jugend im Widerstand, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 54-59; Fritz Wittersheim:
Die Arbeit der Darmstädter ZdA-Jugend, in: Ulrich (wie Anm. 29) S.
59-65; dazu auch: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand der ZdA-Jugendgruppen
in Frankfurt und Darmstadt, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 325.
[54] Mausbach-Bromberger
(wie Anm. 28) S. 92.
[55] Siehe hierzu
z.B.: Paul Müller: "Wir wollten die Welt verändern".
Stationen im Leben eines Altsozialisten. Frankfurt/M., Olten, Wien 1987;
Mausbach-Bromberger (wie Anm. 28) S. 129 u. S. 135 ff.; Buschak (wie Anm.
52) S. 165-168; Mielke, Frese (wie Anm. 52) siehe: Register; Hermann Wichers:
Im Kampf gegen Hitler. Deutsche Sozialisten im Schweizer Exil 1933-1940.
Zürich 1994, S. 240-244; Ulrich (wie Anm. 19) S. 104-108; siehe auch
meinen Beitrag: Die Funkengruppe, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 96-98; ebenso:
Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand der "Funken"-Gruppe,
StadtA WI Best. NL 75 Nr. 968.
[56] Müller
(wie Anm. 55) S. 122 ff.
[57] Willy Buschak:
Von Menschen, die wie Menschen leben wollten. Die Geschichte der Gewerkschaft
Nahrung-Genuss-Gaststätten und ihrer Vorläufer. Köln 1995,
S. 256-261.
[58] Willy Buschak:
Kellner im Widerstand, in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes
und der Arbeit. No. 8. Bochum 1987, S. 165-174; Buschak (wie Anm. 57)
S. 261-264; Buschak (wie Anm. 52) S. 143-154; Mausbach-Bromberger (wie
Anm. 28) S. 128 u. S. 139; siehe auch: Materialsammlung A. Ulrich zum
Widerstand des Zentralverbandes der Hotel-, Restaurant- und Caféangestellten,
StadtA WI Best. NL 75 Nr. 391.
[59] Siehe hierzu
z.B.: Helmut Esters, Hans Pelger: Gewerkschafter im Widerstand. 2., mit
einem forschungsgeschichtlichen Überblick von Alexandra Schlingensiepen
versehene Aufl. Bonn 1983; Buschak (wie Anm. 52) S. 66-91; Mielke, Frese
(wie Anm. 52) S. 27-33 sowie Dokumente 54-90; siehe auch: Materialsammlung
A. Ulrich zum Widerstand der Eisenbahnergewerkschafter in Hessen, StadtA
WI Best. NL 75 Nr. 515.
[60] So der Zeitzeugenbericht:
Emil Henk: Die Tragödie des 20. Juli 1944. Ein Beitrag zur politischen
Vorgeschichte. 2., erw. Aufl. Heidelberg 1946, S. 49 f. u. S. 60.
[61] So ein Hinweis
bei: Karl Otmar Freiherr von Aretin: Der deutsche Widerstand gegen Hitler,
in: Ders. u.a.: Darmstadt und der 20. Juli 1944. Zehn Beiträge. Darmstadt
1974 (Darmstädter Schriften, 35), S. 7-38, hier: S. 36.
[62] Allen Welsh
Dulles: Verschwörung in Deutschland. Zürich 1948, S. 146; Peter
Hoffmann: Widerstand · Staatsstreich · Attentat. Der Kampf
der Opposition gegen Hitler. 4., neu überarb. u. erg. Ausg. München,
Zürich 1985, S. 159.
[63] Hierzu: Axel
Ulrich: Verfolgung und Widerstand christlicher Gewerkschafter im Rhein-Main-Gebiet
während der NS-Diktatur, in: Nassauische Annalen. Jahrbuch des Vereins
für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung. Bd. 101.
Wiesbaden 1990, S. 185-198; siehe auch: Materialsammlung A. Ulrich zum
Widerstand christlicher Gewerkschafter in Hessen, StadtA WI Best. NL 75
Nr. 199.
[64] Gerhard Beier:
Willi Richter. Ein Leben für die soziale Neuordnung. Köln 1978.
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Kommunistischer Widerstand
Die von den Kommunisten organisierten Widerstandsstrukturen und deren
Aktivitäten[65] unterschieden
sich hinsichtlich ihrer Intensität und Kontinuität von denen
aller anderen antinazistischen Parteien, Verbände und Gruppierungen.
Auch rein quantitativ dominierten sie die gesamte gegen das "Dritte
Reich" gerichtete Opposition. Dies gilt gleichermaßen für
das Rhein-Main-Gebiet.[66] Dort war
der Kernbereich des konspirativen KPD-Bezirks
Hessen-Frankfurt, der sich bis nach Amorbach, Aschaffenburg, Fulda,
Marburg, Gießen, Wetzlar und Limburg sowie nach Bad Kreuznach und
Worms erstreckte. Am Ende der Weimarer Republik hatten der KPD in jenem
Bezirk nicht ganz 17.000 Mitglieder angehört, die in über 500
Ortsgruppen, Stadtteil- bzw. Betriebszellen erfasst waren. Reichsweit
war die KPD mit insgesamt rund 300.000 Mitgliedern und fast fünf
Millionen Wählern zuletzt die drittstärkste Partei nach NSDAP
und SPD gewesen. Nach der Machtübertragung an Hitler wähnten
sich die Kommunisten weiterhin in einer vorrevolutionären Situation
und glaubten, sie könnten relativ rasch die Bedingungen zum Sturz
des NS-Regimes herbeiführen, um anschließend ein Rätesystem
nach sowjetrussischem Vorbild zu errichten. Deshalb orientierten sie ihre
bis zum Sommer 1933 wegen der vielen Abtrünnigen ohnehin auf kaum
mehr als ein Drittel der früheren Mitgliederzahl zusammengeschmolzene
Anhängerschaft zunächst auf einen äußerst verlustreichen
Massenwiderstand, der sich in den Statistiken zur politischen Verfolgung
dementsprechend deutlich niedergeschlagen hat.[67]
Dabei waren die Kommunisten längst nicht so gut auf die konspirative
Arbeit vorbereitet, wie dies von den meisten ihrer Veteraninnen und Veteranen
aus dem Widerstand sowie ihren Parteihistorikern später behauptet
wurde. Zwar waren Formen der Konspiration bereits während der Weimarer
Republik praktiziert worden, beispielsweise im betrieblichen Bereich oder
im Rahmen des seit 1929 illegalisierten paramilitärischen Roten Frontkämpfer-Bundes.
Ebenso waren für den Notfall durchaus schon gewisse Vorkehrungen
getroffen worden, wie etwa die Einrichtung von Ausweichquartieren für
verfolgte Spitzengenossen sowie von Verstecken für Druckgeräte,
Propagandamaterial und dergleichen oder auch die Einübung von Verhaltensweisen
in Verhörsituationen. Aber alles dies reichte bei weitem nicht aus,
dem ungeheuren Verfolgungsdruck zu trotzen, dem sie von Anfang an ausgesetzt
waren. Freilich sind ihre horrenden Verhaftungsquoten gleichzeitig untrüglicher
Indikator für die hohe Risikobereitschaft und den enormen antinazistischen
Kampfgeist der Kommunisten, denen Respekt hierfür nicht zu versagen
ist. Andererseits darf ebenfalls nicht übersehen werden, dass die
Weimarer Republik von ihnen nicht minder vehement abgelehnt und genauso
energisch bekämpft worden war. Zudem wurden sämtliche nichtkommunistischen
Nazigegner - auch solche übrigens, die wie sie revolutionäre
Zielsetzungen verfolgten - von ihnen ständig heftig attackiert und
diffamiert, wodurch allein schon eine gemeinsame antinazistische Abwehrfront
wenigstens nur aller Linkskräfte unmöglich gemacht wurde.
Die KPD versuchte ihren Widerstand straff hierarchisch zu organisieren.
Den Anweisungen der illegalen Landesleitung in Berlin sollten die Leitungen
der - bereits seit 1932 zu Oberbezirken zusammengefassten - Bezirksorganisationen
und damit auch die Unterbezirks- und Ortsleitungen usw. strikt Folge leisten.
Seit dem Herbst 1933 fungierte die Landesleitung nur noch als operativer
Stab. Ab 1934 erfolgte die Anleitung des Parteiapparates verstärkt
von außen durch das zuvor komplett nach Paris ausgewichene Politbüro.
Eine wichtige Schaltstelle zwischen dieser Auslandsleitung des Zentralkomitees
(ZK) der KPD und ihren Widerstandsstrukturen im faschistischen Deutschland
waren die entlang der Reichsgrenzen eingerichteten Stützpunkte, die
später zu Abschnittsleitungen ausgebaut wurden. Für das Rhein-Main-Gebiet
war bis 1935 der Posten im Saargebiet zuständig. Seit Juni 1934 fungierte
dort als Chefkoordinator der KPD für ganz Südwestdeutschland
Herbert Wehner[68], nach eigenen Angaben
vordem zuständig für die Organisierung bzw. Koordinierung der
konspirativen Arbeit reichsweit. Zur gleichen Zeit wirkte neben ihm Erich
Honecker[69] als Oberberater Südwest
für den Kommunistischen Jugendverband. Der von ihnen bearbeitete
Oberbezirk umfasste die Pfalz, Hessen, Württemberg, Baden und die
Saar. Beide reisten wiederholt illegal ins Rhein-Main-Gebiet. Ihre Hauptziele
in dieser Region mit ihrem beachtlich engmaschigen Netz kommunistischer
Widerstandsstrukturen waren die Städte Frankfurt, Offenbach, Darmstadt
und Mainz. Wehner hat später im Moskauer Exil mehrfach auf seine
Rolle als Drahtzieher des angeblich im Spätsommer 1934 zustande gekommenen
"Einheitsfront"-Abkommens der Bezirksleitung Hessen-Frankfurt
seiner Partei mit der SPD-Bezirksleitung Hessen-Nassau[70]
hingewiesen.[71] Nachdem am 13. Januar
1935 über 90 Prozent der Saarländer für die Rückgliederung
an das Deutsche Reich votierten, musste die KPD ihren dortigen Stützpunkt
räumen.
Die Direktiven der Oberberater respektive der Parteiführung wurden
für gewöhnlich durch Instrukteure und Kuriere an die konspirativen
Führungskader in den Bezirken weitergeleitet. Auf diese Weise konnte
jedenfalls noch in den ersten beiden Jahren der Diktatur die kontinuierliche
Anbindung der Parteibasis an das ZK gewährleistet werden. Aber gerade
die regionalen Führungsstäbe wurden durch die Gestapo immer
wieder rasch zerschlagen, wenngleich sie zunächst noch jeweils umgehend
neu gebildet werden konnten. Die letzte Landesleitung der KPD wurde kurz
nach ihrer Einsetzung im März 1935 festgenommen. Auch die Bezirksleitung
Hessen-Frankfurt wurde seit dem Frühjahr 1933 durch Verhaftungen
in Serie schwer getroffen, bis sie seit 1936/37 als wohl endgültig
zerrieben anzusehen ist. Fortan wurde nur noch sehr selten und unregelmäßig
eine Verbindung zwischen der Auslandszentrale und dem Rhein-Main-Gebiet
durch Instrukteure realisiert, wobei diese zunehmend Schwierigkeiten hatten,
dort mit ihren immer vorsichtiger operierenden Genossen in Kontakt zu
treten.
Auf Unterbezirks- bzw. lokaler Ebene waren die kommunistischen Strukturen
in der Hauptsache untergliedert in Betriebsgruppen sowie Orts- und Stadtteilgruppen,
manchmal auch zusätzlich in Wohngebietsgruppen. Aus Gründen
der konspirativen Absicherung sollten jene beiden Komplexe wechselseitig
voneinander abgeschottet bleiben. Dies bedeutete: Wer in einer Betriebsgruppe
tätig war, durfte sich nicht gleichzeitig in seinem Wohngebiet betätigen
und umgekehrt, eine wichtige Sicherheitsvorkehrung zwar, die aber oft
keineswegs konsequent genug beachtet wurde und außerdem ebenso wenig
wie die Umstellung der Organisation auf Fünfer- und später Dreiergruppen
ausreichte, um die fortwährenden Einbrüche der faschistischen
Fahnder in die Widerstandsstrukturen zu verhindern. Diese wurden nicht
selten durch Denunziationen aus der Bevölkerung verursacht, auch
durch eingeschleuste Spitzel sowie durch Geständnisse von Gesinnungsgenossen,
die den brutalen Verhörmethoden nicht standgehalten hatten. Durch
die Herstellung und Verbreitung einer wahren Flut antinazistischen Propagandamaterials
wurde der illegale Apparat nahezu vollständig in Anspruch genommen.
Hierdurch eröffneten sich den NS-Verfolgern aber gleichzeitig optimale
Observationsmöglichkeiten und Zugriffschancen. Ein weiterer neuralgischer
Punkt waren die Kassierer, die - waren sie erst einmal erkannt - nur lange
genug beobachtet werden mussten, um einen konspirativen Strukturbereich
zur Gänze aufzurollen. Neben der "Roten Fahne", dem im
faschistischen Deutschland, aber auch im Ausland produzierten Zentralorgan
der KPD, der "Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung",
der Monatszeitung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale
zur Instruktion vor allem der Funktionäre der Partei und ihrer Nebenorganisationen,
oder aber der gleichfalls im Ausland hergestellten illegalen Ausgabe der
"Arbeiter-Illustrierten Zeitung", der bis 1933 populärsten
illustrierten Wochenzeitung der internationalen Arbeiterbewegung überhaupt,
wurden ebenso Periodika mit nur regionaler Reichweite vertrieben. Im Rhein-Main-Gebiet
waren dies die "Arbeiter-Zeitung" sowie "Der Bolschewik",
beides Organe der KPD-Bezirksleitung Hessen-Frankfurt, desgleichen die
Zeitungen der kommunistischen Nebenorganisationen, darüber hinaus
noch zahlreiche Tarnschriften und eine Vielzahl hektografierter Flugschriften
und Flugblätter für den lokalen und betrieblichen Bedarf, alles
dies - jedenfalls bis etwa Mitte der 1930er Jahre - jeweils in erstaunlich
hohen Stückzahlen.
Mitunter wurden auch reine Frauengruppen gebildet, wie etwa im Wiesbadener
Westend.[72] In Frankfurt war eigens
eine Funktionärin für die Frauenarbeit abgestellt; bis Anfang
1935 übte Käthe Lübeck diese Tätigkeit aus.[73]
Zudem wirkte dort eine Gruppe, die ausschließlich aus Kommunisten
jüdischer Herkunft bestand.[74]
Dies war gewiss nicht Ausdruck einer zusätzlichen Ausgrenzung dieses
ohnehin doppelt - politisch wie rassistisch - verfolgten Personenkreises,
lässt sich doch ansonsten gerade im antinazistischen Widerstand der
Linkskräfte ein in der Regel überproportional hoher Anteil von
jüdischen Mitstreitern feststellen: Antijüdische Ressentiments
hatten schlichtweg keinen Platz in den konspirativen Strukturen. Mindestens
drei Fünfer- bzw. Dreiergruppen zusammen bildeten für gewöhnlich
eine Zelle, mehrere Zellen wurden zu Stadtteil- oder Ortsgruppen bzw.
zu Betriebsgruppen zusammengefasst. Jede einzelne von diesen verfügte
über einen Politischen Leiter und einen Kassierer, denen auf den
höheren Strukturebenen, d.h. ab den Zellen, ein Literaturobmann für
den Schriftenvertrieb zur Seite stand. Im Fall der untersten Einheiten
an der Basis, den Fünfer- bzw. Dreiergruppen also, wurden solche
Funktionen häufig durch deren Leiter in Personalunion wahrgenommen.
Drei Stadtteil- oder Ortsgruppen bzw. Betriebsgruppen wiederum bildeten
einen Instruktionsbereich mit drei Instrukteuren für politische Leitung,
Kassierung und Literaturvertrieb an der Spitze. Die Instruktionsbereiche
unterstanden der Unterbezirksleitung unmittelbar. Ansonsten durften die
Fünfer- bzw. Dreiergruppen nur über jeweils eine einzige Kontaktperson
in Verbindung stehen mit einem anderen Strukturbereich auf der gleichen
bzw. nächsthöheren Organisationsebene. Dies galt ebenso für
die mittleren und oberen Ebenen, die allerdings auf diese Weise entsprechend
auch mit den unteren Strukturbereichen Kontakt hielten. Die Verbindung
der Unterbezirke mit der Bezirksleitung in Frankfurt wurde durch Kuriere
realisiert, die von dort entsandt wurden. In der Praxis wurde gegen die
konspirativen Regeln jedoch immer wieder und zum Teil eklatant verstoßen.
Vielfach kam es zu Überschneidungen bestimmter Aufgabenbereiche,
viele Kommunisten aus unterschiedlichen Strukturbereichen bzw. Organisationen
kannten sich untereinander und wussten wechselseitig um ihre konspirative
Tätigkeit, wodurch die Verwendung von Tarnnamen ad absurdum geführt
wurde. Auch leiteten Unterbezirke verschiedentlich Propagandamaterial
direkt an ihre Nachbargliederungen weiter; so wurde von Wiesbaden aus
wiederholt Mainz mit größeren Mengen antinazistischen Schriftguts
beliefert.[75] Der bis etwa 1935/36
extrem hierarchische Organisationsaufbau, mehr noch aber die Unsitte der
KPD-Führung, von ihren illegalen Spitzenkadern über die Untergrundarbeit
in den von ihnen bearbeiteten Bezirken umfassende Berichte anfertigen
zu lassen bzw. gar die von ihnen eigens unterhaltenen konspirativen "Archive"
trugen in erheblichem Maße dazu bei, dass die NS-Fahnder über
die Vorgehensweise der kommunistischen Kader, deren lokale und regionale
Verankerung sowie sämtliche dort auftretende Probleme in der Regel
sogar besser unterrichtet waren als die meisten Parteimitglieder, selbst
wenn diese im gleichen Strukturbereich in die Widerstandsaktivitäten
eingebunden waren: Oft genug nämlich fielen der Gestapo solche brisanten
Materialien im Zuge der Festnahme konspirativer Spitzenfunktionäre
- die abgesehen davon aus gutem Grund spätestens alle drei Monate
hätten ausgetauscht werden müssen - in die Hände.
Besonders in Großbetrieben wirkte zunächst noch neben der kommunistischen
Betriebsgruppe oftmals auch eine solche der Revolutionären
Gewerkschafts-Opposition (RGO).[76]
Deren Leiter war aber in der Regel dem Leiter der Parteigruppe weisungsgebunden.
Nicht selten wurden von größeren solcher Strukturbereiche spezielle
illegale Betriebszeitungen herausgebracht, so etwa "Der Rotfabriker"
im Werk Höchst der IG-Farbenindustrie sowie "Die Spinne"
in den Kelsterbacher Glanzstoff-Fabriken. Darüber hinaus produzierte
der partiell nach Branchen untergliederte RGO-Bezirk Hessen-Frankfurt[77]
eine Unmenge antinazistischer Flugblätter sowie die beiden in monatlichem
Turnus und in Auflagen von bis zu 1.000 Exemplaren erschienenen Periodika
"Der rote Gewerkschaftler" und "Der Angestellte".
Später wurde dazu noch der "Funktionär. Informationsdienst
für die Bezirke Frankfurt, Mannheim und Stuttgart der RGO" gezielt
in Umlauf gebracht. Mit diesen Materialien wurden Gruppen bzw. Betriebe
in Frankfurt, Offenbach, Hanau, Griesheim, Höchst, Kelsterbach, Langen,
Egelsbach, Rüsselsheim, Darmstadt, an der Bergstraße, in Wiesbaden,
in Ingelheim, dort u.a. der Chemiebetrieb Boehringer, in Geisenheim und
andernorts beliefert. Etliche kommunistische Gewerkschafter, von denen
nicht wenige nach wie vor arbeitslos waren, betätigten sich zugleich
im Rahmen weiterer Nebenorganisationen der KPD bzw. in deren konspirativem
Parteiapparat unmittelbar. Nach einer ganzen Reihe von Verhaftungsschlägen,
welche die Strukturen im Rhein-Main-Gebiet seit 1933 zunehmend ausgedünnt
hatten, traf es im Frühjahr 1935 die bis dahin nicht enttarnten Restkader
der RGO-Führungsgruppe und etliche weitere Aktivisten vor allem in
Frankfurt und Umgebung. Das Vorhaben der Kommunisten, sich durch die RGO
in den Betrieben eine stärkere Verankerung zu verschaffen, um die
Belegschaften zum Massenkampf bis hin zum Generalstreik gegen die faschistische
Diktatur zu mobilisieren, war damals auch in den anderen Industrieregionen
Deutschlands fehlgeschlagen. Die Parteiführung tat sich insofern
1935 nicht schwer, die RGO insgesamt für aufgelöst zu erklären.
Dennoch blieben auch in den Folgejahren und zumeist bis zum Kriegsende
in nahezu allen größeren Betrieben des Rhein-Main-Gebietes
kommunistische Widerstandskräfte aktiv.[78]
Auch die Rote Hilfe Deutschlands (RHD)[79],
mit mehr als einer halben Million Mitgliedern Ende 1932 noch die größte
Massenorganisation kommunistischer Ausrichtung und partiell Pendant zur
sozialdemokratischen Arbeiterwohlfahrt, konnte ihre Organisationsstrukturen
im Bezirk Hessen-Frankfurt bereits 1933 neu formieren, um dort sodann
eine recht umfangreiche konspirative Solidaritäts- und Propagandaarbeit
zu entfalten; die vordem in respektablem Umfang geleistete Rechtsschutzarbeit
konnte dagegen unter den Bedingungen der Diktatur nicht mehr fortgeführt
werden.[80] Bis zum Frühjahr
1934 war die Organisation hier auf zwölf Unterbezirke angewachsen:
Frankfurt und Frankfurt-Höchst, Offenbach, Hanau, Aschaffenburg,
Langen mit Dieburg, Darmstadt, Friedberg, Gießen mit Wetzlar und
Herborn, Wiesbaden, Mainz und Worms mit Groß-Gerau. Dann jedoch
rissen die Verbindungen nach Offenbach, Wiesbaden, Mainz und Worms wieder
ab. Während die Verbindung nach Wiesbaden wiederhergestellt werden
konnte, brach im Sommer 1934 der Kontakt mit Aschaffenburg zusammen. In
den verbliebenen acht Unterbezirken war ein Führungskern von 31 Kadern
für 54 Ortsgruppen zuständig, in denen 210 Funktionäre
operierten. Der Mitgliederbestand im Bezirk insgesamt betrug an die 1.000
Personen, deren Beiträge allwöchentlich - ohne Ausgabe von Marken
- kassiert wurden. Ferner bestanden in etwa zwölf Betrieben, die
von wiederum zwölf bis 15 Funktionären bearbeitet wurden, Spenderkreise
aus Sympathisanten der Roten Hilfe; diese konnten nach entsprechender
Beeinflussung sukzessive zu neuen Widerstandsgruppen zusammengefasst werden.
Neben der "Roten Fahne" und dem RHD-Zentralorgan "Das Tribunal"
wurden auch zwei vom Bezirk selbst produzierte Zeitungen verbreitet: alle
zwei Wochen das "Proletarische Volks-Gericht" in einer Auflage
von durchschnittlich 1.000 Stück sowie das Funktionärsorgan
"Der Widerstand" in einer monatlichen Auflage von 300 bis 400
Exemplaren. Zusätzlich wurden Flugblätter hergestellt und verteilt,
teilweise in Auflagen von bis zu 6.000 Stück. Im Sommer 1934 erfolgte
die Warnung durch die Zentrale, ein konspirativer Spitzenfunktionär
im RHD-Bezirk Hessen-Frankfurt arbeite für die Gestapo. Während
einige Funktionäre des regionalen Führungsgremiums ins Ausland
flüchten konnten, wurde andere festgenommen. Im illegalen Quartier
des dann zu einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilten
Bezirksleiters Fritz Köhne wurde ein detaillierter Organisationsplan
des RHD-Bezirks Hessen-Frankfurt gefunden sowie anderes brisantes Material
in Hülle und Fülle. Trotzdem setzten die Kommunisten ihre wichtige
Solidaritäts- und Unterstützungsarbeit unbeirrt fort, allerdings
nun ohne den gleichzeitigen Vertrieb von Propagandamaterial; sie orientierten
sich künftig verstärkt an dem antinazistischen Vertrauensleutesystem,
wie es im sozialdemokratischen wie gewerkschaftlichen Widerstand längst
praktiziert wurde. Unabhängig von der Roten Hilfe operierte seit
1933 ferner die Untergrundorganisation der erheblich kleineren Internationalen
Arbeiterhilfe (IAH)[81], die außer
in Frankfurt u.a. auch in Offenbach, Gießen, Kelsterbach, Hofheim
am Taunus, Darmstadt, Mainz und Bischofsheim verankert war. Zusätzlich
zur Sammlung von Geldern, Lebensmitteln und Kleidung für bedürftige
bzw. verfolgte Gesinnungsfreunde oder deren Familienangehörige verbreitete
auch die IAH erst noch die diversen kommunistischen Zeitungen, Flugblätter
und Broschüren, ferner ein selbst produziertes Periodikum für
die Region sowie die "Solidarität", das Zentralorgan der
deutschen Sektion der IAH, dessen Erscheinen freilich schon 1935 eingestellt
wurde; das "Tribunal" der RHD sollte diesem Beispiel im Jahr
darauf folgen. Zwar wurde auch der konspirative IAH-Bezirk Hessen-Frankfurt
mehrfach durch Verhaftungsschläge schwer getroffen, doch gingen die
leitenden Funktionäre Albert Düring und Emil Schmidt sowie einige
weitere Frankfurter Aktivisten den NS-Fahndern erst Anfang 1940 ins Netz.
Der Kommunistische Jugendverband Deutschlands (KJVD)[82],
dem die Aufgabe oblag, jüngere Menschen an die Zielsetzungen der
KPD heranzuführen und sie organisatorisch zu erfassen, wurde durch
diese auch während der Illegalität straff geführt. Die
Kader der Jugendorganisation hatten - genauso wie jene der Partei und
der übrigen kommunistischen Organisationen - unter dem Fahndungsdruck
der faschistischen Strafverfolgungsorgane massiv zu leiden. Dennoch gelang
es 1933/34, die Organisation konspirativ weitgehend zu rekonstruieren.
Mitte 1934 bestand der Bezirk Hessen-Frankfurt des KJVD aus den Unterbezirken
Frankfurt, Offenbach, Friedberg, Höchst, Groß-Gerau, Darmstadt,
Wiesbaden und Mainz.[83] Der Unterbezirksleitung
in Mainz beispielsweise gehörten damals Luise Ott[84]
als Politische Leiterin an, ferner ein Organisationsleiter, Dina Geins
als Quartiervermittlerin und ein weiterer Funktionär, zuständig
für die drei in den Rüsselsheimer Opel-Werken aktiven Widerstandsgruppen
des KJVD. Die gesamte Jugendzelle bei Opel zählte mindestens 20 Mitglieder.
Ansonsten umfasste der Unterbezirk Mainz Stadtteilgruppen in Mainz-Altstadt,
Mainz-Mitte (Neustadt), Mainz-Mombach und im rechtsrheinischen Mainz-Kostheim,
ebenso Betriebsgruppen in der Schuhcremefabrik Erdal mit einer Zellenleiterin
an der Spitze. Auch die Mainspitze und Flörsheim wurden von Mainz
aus bearbeitet. Die Reorganisation des KJVD in Rüsselsheim wurde
nachhaltig unterstützt durch Jakob Gremm, ebenfalls aus Mainz. Luise
Ott war für den Kontakt mit dem Jugendbezirksleiter in Frankfurt
zuständig. Die Verbindung zur Mainzer KPD wurde über Johann
Geins, den Vater von Dina Geins, realisiert. Wie im ganzen Bezirk kamen
dort die üblichen kommunistischen Zeitungen, Flugblätter und
Broschüren zur Verteilung, vor allem auch die "Junge Garde",
das Zentralorgan des KJVD, und ebenso der zusammen mit der Frankfurter
ZdA-Widerstandsgruppe produzierte "Junge Kämpfer". Ferner
bestand in Mainz eine Verbindung zu einer SPD-Gruppe in Mombach; bei einem
konspirativen Spitzengespräch verlangten deren Vertreter zwar nach
einem direkten Kontakt zum KPD-Unterbezirk und erklärten sich sogar
zu einer ideologischen Zusammenarbeit auf der Basis getrennten Marschierens
und vereinten Schlagens bereit, wiesen aber ansonsten einen organisatorischen
Zusammenschluss zurück.[85] Nachdem
Ende 1934 die beiden KPD-Unterbezirke Wiesbaden und Mainz fast vollständig
aufgeflogen waren, wobei es auch etliche Jungkommunisten erwischt hatte,
wurden die Widerstandsstrukturen des KJVD im Rhein-Main-Gebiet im folgenden
Jahr durch eine Festnahmewelle erfasst, durch die sie nahezu restlos zerschlagen
wurden. Luise Ott hatte gerade noch rechtzeitig eine Warnung erhalten
und war deshalb von einer Geheimmission ins Saargebiet Ende 1934 nicht
mehr nach Mainz zurückgekehrt. Viele derjenigen Jungkommunisten,
die gleichwohl unentdeckt geblieben und weiterhin kampfgewillt waren,
wurden nun in den konspirativen Parteiapparat integriert. Auch später
noch gerieten KJVD-Mitglieder in das immer enger geknüpfte Netz der
NS-Fahnder, so beispielsweise fünf Jungkommunisten in Mainz im Herbst
1937, dies allerdings noch im Zusammenhang mit deren bis zum Jahr 1935
entfalteten Aktivitäten.
Trotz ihrer erlittenen schweren Verluste versuchten die Kommunisten auch
in den kommenden Jahren immer wieder, ihre verbliebenen örtlichen
sowie betrieblichen Widerstandsstrukturen intakt zu halten oder diese
gegebenenfalls zu rekonstruieren bzw. solche neu zu schaffen. Aber nur
noch in seltenen Fällen gelang ihnen dies mit regionaler oder gar
überregionaler Reichweite. Allein in Frankfurt wurden zwischen 1936/37
und 1939 mindestens 22 Strafverfahren gegen Kommunisten - mit einer noch
weitaus größeren Anzahl von Angeklagten bzw. Verurteilten -
durchgeführt, die in verschiedenen Stadtteilen den Aufbau von Parteiorganisationen
erneut in Angriff genommen hatten. Während des Krieges wurden dort
wenigstens 90 KPD-Anhänger wegen antinazistischer Widerstandshandlungen
verhaftet, unter Anklage gestellt und verurteilt.[86]
Dabei zeigte sich, dass die Kommunisten nun zunehmend nur noch kleine,
untereinander meist nicht mehr oder lediglich vorsichtig vernetzte antinazistische
Zirkel bildeten. Dies galt auch für die kleine oppositionelle Hörergemeinschaft,
die sich in den Jahren 1940 und 1941 in Wiesbaden und Koblenz um die beiden
befreundeten Ehepaare Anneliese und Andreas Hoevel sowie Margarethe und
Adolf Noetzel gebildet hatte; während sich der Letztgenannte, ein
Wiesbadener Kunstmaler und Reklamefachmann, am 6. Dezember 1941 nach fürchterlichen
Verhören in seiner Zelle im Wiesbadener Polizeigefängnis erhängt
hatte, wurden die Hoevels, beide ehedem konspirative Spitzenkader des
KPD-Bezirks Hessen-Frankfurt, die deshalb bereits entsprechende Haftstrafen
verbüßt und außerdem etliche Zeit im KZ verbracht hatten,
zum Tode verurteilt und am 28. August 1942 in der Strafanstalt Frankfurt-Preungesheim
hingerichtet; ihre Gesinnungsgenossen Margarethe Noetzel sowie Jakob Newinger
- dieser war früher kurzzeitig Mitglied der kommunistischen Gemeindefraktion
in Metternich und gleichfalls bereits längere Zeit u.a. im Zuchthaus
inhaftiert gewesen - wurden zu sechs bzw. zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.[87]
Auch etliche weitere Aktivisten sowie Sympathisanten der KPD wurden wegen
ihres antinazistischen Widerstandes hingerichtet, so z.B. am 22. Dezember
1942 der Opel-Arbeiter Walter Rietig aus Langen, der denunziert worden
war, an seinem Arbeitsplatz u.a. prosowjetische Äußerungen
getätigt und die Judenverfolgung kritisiert zu haben[88],
oder am 27. Oktober 1944 der ehemalige KPD-Unterbezirksvorsitzende und
Stadtrat Georg Fröba, der seit 1936 zusammen mit einigen Mitstreitern
in Darmstadt und Umgebung eine zwar lange Zeit überaus unauffällig
operierende, gegen Spitzeleinschleusung und Denunziation gleichwohl nicht
gefeite Widerstandsorganisation aus mehreren weitgehend autonom arbeitenden
Stadtteil- und Betriebsgruppen aufgezogen hatte, die u.a. Gelder und Lebensmittel
für politisch Verfolgte bzw. für deren Familienangehörige,
dann auch für Zwangsarbeitskräfte und Kriegsgefangene beschafft
hatten[89].
Überall dort, wo kommunistische Agitationsarbeit öffentlich
spürbar wurde, griff die Gestapo sofort und unerbittlich zu. Der
ungeheure Fahndungsdruck, der auf ihnen lastete, ebenso die Einberufungen
zur Wehrmacht, durch die viele Gruppen auseinander gerissen und auch andere
wichtige Verbindungen zerstört wurden, hatten zur Folge, dass auch
der Widerstand der Kommunisten mit der Zeit immer schwächer wurde,
wenngleich er niemals vollständig erlahmte.[90]
Kaum hatten die US-Truppen das Rhein-Main-Gebiet dann von der NS-Terrorherrschaft
befreit, schossen im Frühjahr 1945 überall antifaschistische
Selbsthilfe- und Wiederaufbaukomitees, kurz Antifas[91]
genannt, auf betrieblicher oder Stadtteil-, Vorort- bzw. gesamtstädtischer
Ebene wie Pilze aus dem Boden, die deutlich von den nicht enttarnten Resten
der kommunistischen Widerstandsstrukturen dominiert waren. Hinweise auf
das Wirken solcher Antifas aus der Zeit unmittelbar nach dem Ende der
NS-Diktatur liegen vor u.a. aus Frankfurt[92],
Wiesbaden[93] und Mainz[94].
[65] Siehe hierzu
z.B.: Horst Duhnke: Die KPD von 1933 bis 1945. Köln 1972; Siegfried
Bahne: Die KPD und das Ende von Weimar. Das
Scheitern einer Politik 1932-1935. Frankfurt/M., New York 1976 (Campus
Studium: Sozialgeschichte, Bd. 515); dazu aus kommunistischer Perspektive
z.B.: Heinz Kühnrich: Die KPD im Kampf gegen die faschistische Diktatur
1933 bis 1945. Berlin 1983; bemerkenswert differenziert dagegen: AllanMerson:
Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland. Bonn 1999.
[66] Eine spezielle
Untersuchung zum KPD-Widerstand im Rhein-Main-Gebiet fehlt bislang. Daher
muss auf die recht umfangreiche lokalgeschichtliche Literatur verwiesen
werden, siehe: Fabricius, Steffens u.a. (wie Anm. 6); Ulrich, Knigge-Tesche
(wie Anm. 6); ebenso die auf das Gebiet des gesamten heutigen Bundeslandes
Hessen bezogene prägnante Zusammenfassung: Rolf Engelke, Wolfgang
Form: Kommunistischer Widerstand und NS-Verfolgungspraxis in Hessen, in:
Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 213-235.
[67] So entfielen
schätzungsweise drei Viertel aller vom "Volksgerichtshof"
verhandelten Fälle von politischem Widerstand auf Mitglieder der
KPD und ihrer Nebenorganisationen, siehe: Wolfgang Form, Rolf Engelke:
"Hochverrat" - "Heimtücke" - "Wehrkraftzersetzung".
Zur politischen Strafjustiz in Hessen, in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie
Anm. 2) S. 26-43, hier: S. 31 f. - Eine vorläufige Auswertung des
erhaltenen Quellenmaterials hat erbracht, dass allein durch den "Volksgerichtshof"
sowie die hessischen Oberlandesgerichte von 1933 bis 1945 etwa 2.800 Mitglieder
der KPD und ihrer Nebenorganisationen aus den beiden Bezirken Hessen-Frankfurt
und Hessen-Waldeck (Kassel) abgeurteilt wurden; das bedeutet, dass mindestens
17 Prozent der Ende 1932 dort organisierten Kommunisten strafrechtlich
verfolgt wurden, siehe: Engelke, Form (wie Anm. 66) S. 230. Hierdurch
sind freilich all jene Fälle nicht berücksichtigt, die auf andere
Weise verfolgt wurden oder deren Widerstand nicht aufgedeckt werden konnte.
[68] Herbert Wehner:
Zeugnis. Hrsg.: Gerhard Jahn. Köln 1982, S. 107 u. S. 122; Hartmut
Soell: Der junge Wehner. Zwischen revolutionärem Mythos und praktischer
Vernunft. Stuttgart 1991, S. 324 ff.
[69] Erich Honecker:
Aus meinem Leben. Berlin 1980, S. 80 f.; erster Nachkriegslebenslauf Honeckers
vom 12. Mai 1945, in: Peter Przybylski: Tatort Politbüro. Die Akte
Honecker. Berlin 1991, S. 232 ff., hier: S. 233.
[70] Während
in Saarbrücken, Mannheim, Hannover, Essen, Dortmund, Düsseldorf
und etlichen anderen Städten tatsächlich solche "Einheitsfront"-Vereinbarungen
zwischen kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstandsstrukturen
getroffen wurden, ist ein entsprechendes Abkommen durch die KPD-Bezirksleitung
Hessen-Frankfurt zwar angebahnt, dann aber letztendlich von der Leitung
des SPD-Bezirks Hessen-Nassau nicht unterzeichnet worden, siehe hierzu
meine Analyse, in: Ulrich (wie Anm. 19) S. 109-119.
[71] So z.B. in
seinem unter dem Decknamen "Kurt Funk" verfassten Lebenslauf
vom 24. März 1937, abgedruckt in: Reinhard Müller: Die Akte
Wehner. Moskau 1937 bis 1941. Berlin 1993, S. 42-54, hier: S. 51 f.
[72] Bembenek,
Ulrich (wie Anm. 14) S. 83.
[73] Urteil des
"Volksgerichtshofs" gegen Max Dahlhaus und Udo Grühn vom
8. Juli 1937, Bl. 23 u. Bl. 30 [Kopie], in: StadtA WI Best. NL 75 Nr.
345.
[74] Valentin Senger:
Kurzer Frühling. Zürich 1984, S. 7.
[75] So z.B.: Urteil
des Oberlandesgerichts Kassel gegen Friedrich Hell und 38 weitere Angeklagte
vom 23. Januar 1935, Bl. 17 f. [Kopie], in: Materialsammlung A. Ulrich
zum Widerstand des KPD-Unterbezirks Wiesbaden, StadtA WI Best. NL 75 Nr.
978.
[76] Zum RGO- bzw.
kommunistischen Widerstand in den Betrieben generell siehe z.B.: Duhnke
(wie Anm. 65) S. 126-134 u. S. 209-214; Bahne (wie Anm. 65) S. 53-57;
Buschak (wie Anm. 52) S. 212-238; Mielke, Frese (wie Anm. 52) Einleitung:
S. 37-45 sowie Dokumente: S. 563-651.
[77] Siehe hierzu
vor allem die autobiografischen Berichte: Emil Carlebach: Widerstand einer
Frankfurter Gewerkschaftsgruppe, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 41-47; Rudi
Gottschalk: Die Gruppe "Asphalt" im antifaschistischen Widerstand,
auszugsweise abgedruckt in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 71-75; E. Carlebach:
Am Anfang stand ein Doppelmord. Kommunist in Deutschland. Bd. I: Bis 1937.
Köln 1988, S. 84-162; William C. Emker: Zwischen den Welten. Autobiografie
des Antifaschisten Willy Eucker [vom Antifaschisten Willy Eucker zum Emigraten
William C. Emker]. Hrsg.: Helmut Uhlshöfer. Frankfurt/M. 1993, S.
16-36; außerdem u.a.: Materialsammlung A. Ulrich zum RGO-Widerstand
im Bezirk Hessen-Frankfurt, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 979.
[78] Siehe z.B.:
Axel Ulrich: Betrieblicher Widerstand am Beispiel der Opel-Werke in Rüsselsheim,
in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 248-268; dazu ergänzend
die erw. u. um 15 Dokumente vermehrte Version: A. Ulrich: Betrieblicher
Widerstand gegen die NS-Gewaltherrschaft am Beispiel der Opel-Werke in
Rüsselsheim, in: Bernd Heyl, Andrea Neugebauer (Hrsg.): "...
ohne Rücksicht auf die Verhältnisse". Opel zwischen Weltwirtschaftskrise
und Wiederaufbau. Mit Beiträgen von B. Heyl, Anita Kugler, A. Neugebauer
u. A. Ulrich. Frankfurt/M. 1997, S. 93-156.
[79] Siehe z.B.:
H. Leutemann: Vorwärts und nicht vergessen. 70/20 Jahre Rote Hilfe.
Hrsg.: Bundesvorstand der Roten Hilfe. Kiel 1996; Heinz-Jürgen Schneider,
Erika Schwarz, Josef Schwarz: Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands.
Politische Strafverteidiger in der Weimarer Republik. Geschichte und Biografien.
Bonn 2002.
[80] Mausbach-Bromberger
(wie Anm. 28) S. 60-64 u. S. 98-101; siehe vor allem auch die Autobiografie:
Lore Wolf: Ein Leben ist viel zuwenig. Berlin 1973; ebenso: Materialsammlung
A. Ulrich zum Widerstand von Roter Hilfe sowie Internationaler Arbeiterhilfe
im Bezirk Hessen-Frankfurt, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 980.
[81] Siehe hierzu
den autobiografischen Bericht: Emil Schmidt: Internationale Arbeiterhilfe
in Frankfurt, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 196-200; ebenso: Materialsammlung
A. Ulrich zum Widerstand von Roter Hilfe sowie Internationaler Arbeiterhilfe
im Bezirk Hessen-Frankfurt (wie Anm. 80).
[82] Karl Heinz
Jahnke: Jungkommunisten im Widerstandskampf gegen den Hitlerfaschismus.
Dortmund 1977; Duhnke (wie Anm. 65) S. 134 ff. u. S. 222 ff.
[83] Siehe hierzu
besonders: Urteil gegen Max Dahlhaus und Udo Grühn (wie Anm. 73);
Urteil des "Volksgerichtshofs" gegen Walter Kaßner und
Alfred List vom 15. Mai 1937 [Kopie], StadtA Wi Best. NL 75 Nr. 982; ebenso:
Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand des KJVD im Bezirk Hessen-Frankfurt,
StadtA WI Best. NL 75 Nr. 981.
[84] Arnold Busch:
Widerstand gegen den Faschismus in der Mainspitze, in: Christine Hartwig-Thürmer:
Ginsheim - Gustavsburg - Bischofsheim 1933-1945. Die Mainspitze unterm
Hakenkreuz. Hrsg.: Gemeindevorstand Bischofsheim u. Gemeindevorstand Ginsheim-Gustavsburg.
Frankfurt/M. (1989), S. 71-98, hier: S. 83 ff.; Barbara Stephan: Verfolgung
nach der Verfolgung. Die Entschädigungssache Luise Ott. Fakten aus
dem Leben einer Illegalen, in: informationen. Studienkreis Deutscher Widerstand,
25. Jg., Nr. 52, November 2000, S. 27-31.
[85] Urteil gegen
Max Dahlhaus und Udo Grühn (wie Anm. 73) Bl. 35; Urteil gegen Walter
Kaßner und Alfred List (wie Anm. 83) Bl. 14 ff.
[86] Mausbach-Bromberger
(wie Anm. 28) S. 123 ff. u. S. 165 ff.
[87] Bembenek,
Ulrich (wie Anm. 14) S. 93-98; siehe dazu auch: Materialsammlung A. Ulrich
zum Widerstand der Gruppe Hoevel/Noetzel in Wiesbaden und Koblenz, StadtA
WI Best. NL 75 Nr. 984.
[88] Bernd Heyl:
"Vergeßt mich nicht ...". Zur Erinnerung an Walter Rietig,
in: Heyl, Neugebauer (wie Anm. 78) S. 157-166.
[89] Heinrich Pingel-Rollmann:
Widerstand und Verfolgung in Darmstadt und der Provinz Starkenburg 1933-1945.
Hrsg.: Hessische Historische Kommission Darmstadt u. Historische Kommission
für Hessen. Darmstadt, Marburg 1985 (Quellen und Forschungen zur
hessischen Geschichte, Bd. 54), S. 167-178.
[90] Beispielsweise
operierte in einigen Städten des Rhein-Main-Gebietes, darunter in
Mühlheim und Darmstadt, bis zum Kriegsende unter maßgeblicher
Beteiligung von Kommunisten ein so genanntes Komitee zur schnellen Beendigung
des Krieges, das u.a. auch mit entflohenen und dann untergetauchten sowjetischen
sowie französischen Zwangsarbeitskräften und Kriegsgefangenen
zusammenarbeitete und schließlich über eine konspirative regionale
Zentrale in Wiesbaden verfügte, so jedenfalls der autobiografische
Bericht des Mühlheimer Antifaschisten Willi Busch, in: Adolf Mirkes,
Karl Schild, Hans C. Schneider: Mühlheim unter den Nazis 1933-1945.
Ein Lesebuch. Frankfurt/M. 1983, S. 76-87.
[91] Zu den so
genannten Antifa-Ausschüssen der ersten Zeit nach der Befreiung immer
noch am umfassendsten: Lutz Niethammer, Ulrich Borsdorf, Peter Brandt
(Hrsg.): Arbeiterinitiative 1945. Antifaschistische Ausschüsse und
Reorganisation der Arbeiterbewegung in Deutschland. Wuppertal 1976.
[92] Hajo Dröll,
Alfred Weinrich: Stadtteilantifas in Frankfurt, in: Niethammer, Borsdorf,
Brandt (wie Anm. 91) S. 415-450; siehe hierzu auch die beiden US-Geheimdienstberichte
"Die Antifaschistische Organisation in Frankfurt-Riederwald (22.4.1945)"
und "Antifaschistische Organisationen und Tendenzen im Frankfurter
Raum (18.6.1945)", in: Ulrich Borsdorf, Lutz Niethammer (Hrsg.):
Zwischen Befreiung und Besatzung. Analysen des US-Geheimdienstes über
Positionen und Strukturen deutscher Politik 1945. Neuausg. Weinheim 1995,
S. 83-89 u. S. 90-97.
[93] Niethammer,
Borsdorf, Brandt (wie Anm. 91) S. 720 f. [Karte zur Verbreitung der Antifaschistischen
Ausschüsse]; siehe dazu z.B.: Faksimile des "Aufrufs an die
Bevölkerung von Wiesbaden" eines dortigen Kampfbundes gegen
den Faschismus, in: Axel Ulrich: Demokratischer Neubeginn in Wiesbaden:
von den antifaschistischen Bürgerausschüssen und den Anfängen
der politischen Reorganisation, in: Konrad Schacht (Hrsg.): Hessen 1945.
Demokratischer Neubeginn zwischen Utopie und Pragmatismus. Ergebnisse
der Fachtagung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung
am 4. und 5. Mai 1995 in Wiesbaden. Wiesbaden (Selbstverlag) o.J. (1996),
S. 29-70, hier: S. 49.
[94] So zumindest
Hinweise bei: Niethammer, Borsdorf, Brandt (wie Anm. 91) S. 194 u. S.
556, dazu dort auch: S. 720 f. [Karte zur Verbreitung der Antifaschistischen
Ausschüsse].
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Bürgerlicher Widerstand
Bis vor wenigen Jahren wurde in der Widerstandsforschung zumeist die Ansicht
vertreten, der bürgerliche Anteil am antinazistischen Widerstand
habe sich im Kern auf einen insgesamt nur recht kleinen Personenkreis
beschränkt, der jeweils im Rahmen kirchlicher oder akademischer Oppositionsaktivitäten,
im Zusammenhang mit den überparteilichen Diskussionsrunden des "Kreisauer
Kreises", vor allem aber letztendlich mit der Verschwörung des
"20. Juli" hervortrat. Unstrittig ist, dass sich fast das gesamte
bürgerliche Lager in der Zwischenkriegsperiode eher autoritären,
nationalistischen oder auch offen revanchistischen Positionen zugeneigt
gezeigt hatte: So hatte die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) als monarchistische
bzw. "völkische" Sammlungsbewegung, die - wie die NSDAP
- den Judenhass zum Programm erhoben hatte, ohnehin von Anfang an und
mit aller Schärfe die Demokratie bekämpft, um in der Konsequenz
dann zur Steigbügelhalterin Hitlers zu werden. Die nationalliberale
Deutsche Volkspartei (DVP) hatte ihre ideologische Nähe zur DNVP
immer weniger zu verleugnen gewusst und dann sogar ein Bündnis mit
der NSDAP nicht mehr ausgeschlossen. Die linksliberale Deutsche Demokratische
Partei (DDP), die sich 1930 mit der von judenfeindlichen und "völkischen"
Positionen nicht freien Volksnationalen Reichsvereinigung und dem ebenfalls
antirepublikanischen sowie antijüdischen Jungdeutschen Orden zur
Deutschen Staatspartei (DStP) verschmolzen hatte, war zuletzt zu einer
Splitterpartei herabgesunken, die in den Reichstagswahlen noch nicht einmal
mehr ein Prozent der Wähler zu erreichen vermochte. Und das Zentrum
schließlich war zwar neben der Sozialdemokratie und dem Linksliberalismus
eine der tragenden Säulen der Weimarer Republik geblieben, hatte
sich jedoch etwa seit 1928 gleichfalls immer weiter nach rechts bewegt,
wobei sich Reichskanzler Heinrich Brüning wie auch der Parteivorsitzende
Ludwig Kaas beispielsweise im Herbst 1931 sogar für Koalitionen mit
der NSDAP in Preußen wie im Volksstaat Hessen ausgesprochen hatten.[95]
Im Anschluss an die Machtübertragung an Hitler waren sämtliche
bürgerlichen Parteien vom nationalistischen Begeisterungstaumel erfasst
worden[96] und hatten daher am 23.
März 1933 im Reichstag für Hitlers "Ermächtigungsgesetz"
votiert, durch das die Etablierung der faschistischen Diktatur faktisch
besiegelt wurde. Unter dem Eindruck des anschließend auch gegen
sie gerichteten NS-Terrors hatten sich die bürgerlichen Parteien
bald darauf quasi von selbst aufgelöst. Ihre völlige Fehleinschätzung
der politischen Lage, ein ausgeprägter Opportunismus sowie vielfach
die offene Bereitschaft zur Kollaboration mit den Nazis hatten diesen
Prozess der Selbstzerstörung unverkennbar begünstigt. Aufgrund
des eigenen Selbstverständnisses, ihrer Obrigkeitshörigkeit
und auch wegen des Fehlens sämtlicher diesbezüglicher Erfahrungen
sowie organisatorischer Voraussetzungen war für die bürgerlichen
Parteien - ganz im Gegensatz zu den Organisationen der Arbeiterbewegung
- eine gegen das NS-Regime gerichtete, illegale Weiterarbeit undenkbar.
Denjenigen ihrer vormaligen Mitglieder, die dem Hitler-Faschismus nach
wie vor mit Ablehnung begegneten, blieb somit zunächst allein der
Weg in die "innere Emigration" oder ins Exil. Doch schon bald
wurden auch in Teilen des Bürgertums hie und da Anstrengungen unternommen,
um durch Bildung oppositioneller Freundeskreise vor allem im lokalen Bezugsrahmen,
seltener auch durch die überregionale Vernetzung solcher Gruppen
nicht nur einen antinazistischen Zusammenhalt zu bewahren, sondern sich
gleichzeitig auf die Zeit nach dem Ende der Diktatur zu präparieren.
In nicht wenigen Fällen gelangten solche bürgerlich geprägten
Antinazigruppen später zumindest informell in Berührung mit
dem im gesamten Deutschen Reich weit verzweigten zivilen Untergrund jener
Verschwörung, die dann im Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944
gipfelte. Im Ganzen gesehen war der bürgerliche Anteil am antinazistischen
deutschen Widerstand auch bis zuletzt quantitativ erheblich geringer als
jener, der für die Organisationen der Arbeiterbewegung zu konstatieren
ist. Auf welche Weise sich der politische Widerstand aus dem Bürgertum
artikulierte, sei an zwei Beispielen aus dem Rhein-Main-Gebiet[97]
verdeutlicht:
Seit 1934 war ausgehend von ihren Zentren in Hamburg um den Textilkaufmann
Hans Robinsohn, in Berlin um den Richter Ernst Strassmann sowie den damals
aus politischen Gründen stellungslosen Journalisten Oskar Stark und
- etwas später - in Bamberg um den Juristen Thomas Dehler eine beachtlich
weit verzweigte Organisation entstanden mit Stützpunkten bzw. Einzelkontakten
in Potsdam, Wilhelmshaven, Kiel, Rostock, Wismar, Breslau, Naumburg, Halle,
München, Aschaffenburg, in Wien und in vielen anderen Städten.
Über den langjährigen Mitarbeiter des SPD-Parteivorstandes Fritz
Neubecker, nun mit vielfältigen, auch überregionalen Kontakten
zum sozialdemokratischen Untergrund, lief die Verbindung von Berlin bald
nach Frankfurt am Main, und zwar zu dessen Parteigenossen Georg Klühs,
der 1935 nach dort verzogen war. Oskar Stark hatte im Herbst des gleichen
Jahres eine Neuanstellung bei der "Frankfurter Zeitung"[98]
erreicht, in deren Folge er freilich seine konspirativen Kontakte abbrach;
spätere Versuche, ihn für die Arbeit der Widerstandsgruppe zu
reaktivieren, scheiterten, weil er die Existenz des trotz der NS-Repression
noch vergleichsweise um objektive Berichterstattung bemühten Presseorgans
nicht in Gefahr bringen wollte. Durch Stark war jedoch der bei der Frankfurter
Societäts-Druckerei, dem Verlag der "Frankfurter Zeitung",
beschäftigte Redakteur Wilhelm Hollbach, einst Landesvorsitzender
der Jugendorganisation der DDP in Württemberg und im Rheinland, in
die Struktur einbezogen worden. Deren Auslandsverbindungen reichten u.a.
nach Paris, London und Kopenhagen, wohin Robinsohn unmittelbar nach den
Novemberpogromen 1938 flüchtete[99];
1943 glückte es ihm, sich vor der bevorstehenden Deportation mit
Hilfe der dänischen Widerstandsbewegung in Sicherheit zu bringen.
Auch etliche weitere Mitstreiter der Robinsohn-Strassmann-Gruppe[100]
mussten massiv unter der rassistischen Verfolgung leiden oder aber ihre
Familienangehörigen bzw. Freunde und Bekannten. Hilfeleistung für
diese NS-Verfolgten gehörte daher zu den primären, selbst gewählten
Aufgaben des im Kern linksbürgerlichen Oppositionskreises, dem sich
im Laufe der Zeit immer mehr frühere Mitglieder von DDP bzw. DStP
angeschlossen hatten, dazu auch Nationalliberale, Konservative, Deutschnationale
und von Anfang an Sozialdemokraten. Ideologisch hatte sich die Gruppe
zunächst auf eine recht umfangreiche Denkschrift Robinsohns aus dem
Jahr 1933 gestützt, um sodann ein liberaldemokratisches Grundsatzprogramm
in der Tradition des linken Flügels der DDP zu entwickeln: Dieses
trat zwar für die Rückkehr zum Rechts- und Verfassungsstaat,
gleichzeitig aber auch für eine Art "Erziehungsdiktatur"
ein, durch welche die Wiederherstellung der politischen Gleichberechtigung
generell und damit speziell auch die der Deutschen jüdischer Herkunft
vorbereitet werden sollte, darüber hinaus wurde für internationale
Abrüstung bei einseitigen deutschen Vorleistungen, Beendigung der
Autarkiepolitik und eine sozialstaatliche Orientierung eines postfaschistischen
Deutschlands ebenso votiert wie für dessen Einbindung in eine europäische
Föderation. Ab 1938 wurde die Beteiligung der Gruppe an einer künftigen
Übergangsregierung nach der Beseitigung des NS-Regimes angestrebt.
Ende 1939 wurde dem britischen Geheimdienst der - dann allerdings mehrfach
verschobene - Termin für den bevorstehenden deutschen Überfall
auf Westeuropa übermittelt. Über unterschiedliche Kanäle
war die Struktur mit zahlreichen NS-Gegnern aus nahezu allen politischen
Lagern verbunden, vor allem auch mit solchen, die dann im Zusammenhang
mit dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 eine wichtige Rolle spielen sollten,
z.B. mit Carl Goerdeler, Generaloberst a.D. Ludwig Beck, Wilhelm Leuschner,
Theodor Haubach, Julius Leber, Josef Wirmer, Eugen Gerstenmaier. Zumindest
einige Führungsmitglieder der Gruppe waren sogar unmittelbar in die
Staatsstreichpläne eingeweiht. Obwohl mit der Festnahme Strassmanns
im Sommer 1942 diese einzige konspirativ operierende, liberaldemokratisch
dominierte Widerstandsstruktur mit reichsweiter Ausdehnung einen harten
Schlag versetzt bekommen hatte, führte dies nur vorübergehend
zu einer vollständigen Lähmung ihrer - danach deutlich dezentralisierten
- Aktivitäten.
Der Wiesbadener Freundeskreis um Heinrich Roos[101]
war zwar kein überregional vernetzter Zusammenschluss von Regimegegnern
mit klarer politischer Programmatik, er stellte auch keine Propagandaschriften
her und dergleichen, aber es handelte sich hierbei dennoch um eine verschworene
Gesinnungsgemeinschaft, geeint durch die entschiedene Ablehnung des NS-Regimes
und seiner menschenfeindlichen Politik. Viele der über 30 Mitglieder
der Gruppe befanden sich in arrivierten Positionen. Die Bandbreite des
dort versammelten politischen Spektrums reichte vom Zentrum über
den Linksliberalismus bis hin zur Sozialdemokratie, wobei auch hier frühere
Mitglieder bzw. Funktionsträger der DDP/DStP deutlich in der Mehrzahl
gewesen sein dürften. Einige unterhielten sogar freundschaftliche
Beziehungen zu führenden Funktionären der örtlichen KPD.
Neben dem eigenen politischen "Überwintern" gehörten
die Beschaffung und Diskussion unterdrückter Nachrichten, das Sammeln
von Geldern, Lebensmitteln und anderen Sachspenden zur Unterstützung
Verfolgter, insbesondere die Hilfe für jüdische Menschen in
Not zum Tätigkeitsfeld der Gruppe. Zu deren engeren Kreis zählten
u.a. die Sozialdemokraten August Heinzmann und Martin Nischalke, die offenbar
als verdeckte Vertreter Heinrich Maschmeyers, des Wiesbadener Stützpunktleiters
Wilhelm Leuschners, fungierten. Über den früheren Zentrums-Stadtverordneten
und -Stadtrat Ferdinand Grün bestand Kontakt zur bereits erwähnten
Widerstandsgruppe christlicher Gewerkschafter um Josef Arndgen. Erich
Zimmermann, vordem Sekretär bzw. Bezirksgeschäftsführer
des liberalen Gewerkschaftsbundes der Angestellten, verfügte über
konspirative Verbindungen zum Widerstand um seinen Gewerkschaftskollegen
Ernst Lemmer, um Jakob Kaiser als dem führenden Repräsentanten
der oppositionellen christlichen Gewerkschaftsrichtung sowie um den Sozialdemokraten
Julius Leber. Der Kaufmann Ludwig Schwenck stand außerdem in ständigem
Austausch mit seinem Wiesbadener Freund Hermann Kaiser, der seit 1941
in Berlin zu jenen Kräften gehörte, die zielstrebig auf die
Beseitigung des verhassten Terrorregimes hinarbeiteten. Der Freundeskreis
um Heinrich Roos war trotzdem nicht unmittelbar in die Vorbereitungen
des "20. Juli" involviert, aber seine personellen Kapazitäten
wären sicherlich - wie die so vieler anderer bürgerlicher, sozialdemokratischer
und möglicherweise sogar kommunistischer Oppositionskreise - im Anschluss
an eine erfolgreiche Aktion gegen Hitler für die dann erforderliche
politische Reorganisationsarbeit herangezogen worden. Weil die Gruppe
nicht der reichsweiten Rasterfahndung nach dem gescheiterten Umsturz zum
Opfer fiel, konnten sich ihre Mitglieder 1945 allesamt für den demokratischen
Wiederaufbau zur Verfügung stellen: erst im Aufbau-Ausschuss Wiesbaden
- Vertretung der antinationalsozialistischen Kräfte[102],
dann oftmals auch im Rahmen der sich als überkonfessionelle Sammlungspartei
des Bürgertums konstituierenden CDU. Während Martin Nischalke
z.B. nach entsprechenden Vorstößen seiner Freunde durch die
US-Militärregierung erst zum Regierungsvizepräsidenten und bald
darauf zum Regierungspräsidenten in Wiesbaden ernannt wurde, wirkte
Heinrich Roos bis 1954 als Wiesbadener CDU-Stadtkämmerer und machte
sich in dieser Zeit verdient um den Wiederaufbau der Stadt.
[95] Robert Hofmann:
Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart.
München, Zürich 1993 [Sonderdruck für die Landeszentralen
für politische Bildung und die Bundeszentrale für politische
Bildung], S. 118-130 u. S. 156-175.
[96] Resistent
geblieben waren beispielsweise die kleinen pazifistischen Gruppierungen,
partiell auch der Frankfurter Kreis um die "Rhein-Mainische Volkszeitung",
das Publikationsorgan des republikanischen Linkskatholizismus, das während
der Weimarer Zeit für die vollständige Integration der Arbeiterschaft
in die junge deutsche Demokratie und darüber hinaus für die
Errichtung einer stabilen europäischen Ordnung mit friedlichen Mitteln
eingetreten war; folglich war die Zeitung pazifistischen wie antikapitalistischen
Grundpositionen gleichermaßen verpflichtet gewesen, bis auch sie
schließlich auf NS-Kurs gezwungen wurde, siehe hierzu: Bruno Lowitsch:
Der Kreis um die Rhein-Mainische Volkszeitung. Wiesbaden u. Frankfurt/M.
1980.
[97] Weitere Beispiele
für bürgerlichen Widerstand in der untersuchten Region sind
etwa: die Aktivitäten der kleinen Glaubensgemeinschaft der Quäker
in Frankfurt sowie in Falkenstein im Taunus, deren karitative Hilfstätigkeit
für vom NS-Regime Verfolgte eine unverkennbar antinazistische Stoßrichtung
besaß, siehe hierzu z.B.: Axel Ulrich: Quäker-Hilfe gegen Hitler,
in: AVS-Informationsdienst. Informationen der SPD. Arbeitsgemeinschaft
ehemals verfolgter Sozialdemokraten - AvS, 20. Jg., Nr. 4, September 1999,
S. 9-12; ebenso: die Verbindungen der von der Münchener Universität
ausgehenden Widerstandsgruppe "Weiße Rose" nach Frankfurt,
wohin Anfang 1943 von Wien aus 400 Stück ihres "Aufrufs an alle
Deutsche!" versandt wurden, so u.a.: Gerda Stuchlik: Goethe im Braunhemd.
Universität Frankfurt 1933-1945. Frankfurt/M. 1984, S. 141; weiterhin:
der Wiesbadener Freundeskreis um Walter Jentzsch, siehe dazu: Valerie
von Rosen: "Propagandist im Dienste der Feinde des deutschen Volks".
Walter Jentzsch machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Nazis.
Todesstrafe wegen "Wehrkraftzersetzung", in: "Frankfurter
Allgemeine Zeitung", 25. November 1991. - Außerdem blieb in
manchen Teilbereichen des bürgerlichen Milieus, etwa in der bündischen
Jugend oder in den Kirchen - und zwar im Katholizismus wie in der Bekennenden
Kirche -, trotz aller sonstigen Anpassungsbereitschaft eine regimekritische
Haltung deutlich spürbar, was sich in der Überwachungs- und
Festnahmepraxis der Gestapo entsprechend niederschlug.
[98] Siehe hierzu
das Standardwerk: Günter Gillessen: Auf verlorenem Posten. Die Frankfurter
Zeitung im Dritten Reich. Berlin 1986.
[99] Dort verfasste
Robinsohn 1939 die Denkschrift "Die deutsche Opposition. Tätigkeit
und Ziele", die vornehmlich an Adressaten außerhalb Deutschlands
versandt wurde.
[100] Horst R.
Sassin: Liberale im Widerstand. Die Robinsohn-Strassmann-Gruppe 1934-1942.
Hrsg.: Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus
in Hamburg. Hamburg 1993 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte,
Bd. 30); Ders.: Widerstand, Verfolgung und Emigration Liberaler 1933-1945.
Hrsg.: Friedrich-Naumann-Stiftung. Bonn 1983 [Ausstellungskatalog]. -
Nach Robinsohns Flucht, d.h. ab Ende 1938, wird die Widerstandsstruktur
nur noch als Strassmann-Gruppe bezeichnet.
[101] Siehe hierzu
den autobiografischen Bericht: Heinrich Roos: Was heißt Widerstand
im Dritten Reich?, auszugsweise abgedruckt in: Bembenek, Ulrich (wie Anm.
14) S. 186-192; dazu auch: Hedwig Brüchert-Schunk: Beispiele bürgerlichen
Widerstandes in Hessen: Der Freundeskreis Heinrich Roos in Wiesbaden und
der Kaufmann-Will-Kreis in Gießen, in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie
Anm. 2) S. 508-524, hier: S. 509-515.
[102] Siehe hierzu:
Ulrich (wie Anm. 93).
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Wilhelm Leuschners ziviles
Vertrauensleutenetz und
der "20. Juli"
Seit etwa Mitte der 1930er Jahre waren die großen Verteilernetze
für die vom SPD-Parteivorstand aus dem tschechoslowakischen Exil
nach Deutschland eingeschleuste "Sozialistische Aktion" und
anderes Propagandamaterial im Reichsmaßstab weitgehend zerschlagen.
Gleichwohl bestanden landauf, landab sozialdemokratische Resistenzkerne
fort. Diese verzichteten aber fortan auf die Agitationsformen der Vorjahre,
da sich das mit der massenhaften Verbreitung antinazistischer Flugblätter
und Zeitungen verbundene Verhaftungsrisiko als viel zu hoch erwiesen hatte.
Im Wesentlichen beschränkten sich die sozialdemokratischen Aktivisten
in den nächsten Jahren darauf, ihren arg zusammengeschmolzenen Stamm
von Getreuen zusammenzuhalten und antinazistisch zu beeinflussen. Damit
sollte erreicht werden, dass für die Zeit nach dem Ende des NS-Regimes
genügend entsprechend qualifizierte Kräfte zur Verfügung
stehen, mit denen dann umgehend die politische Reorganisationsarbeit in
Angriff genommen werden könnte. Auch jene Sozialdemokraten, die bereits
inhaftiert worden waren und nun wieder freikamen, verhielten sich begreiflicherweise
fortan überaus vorsichtig, zumal wenn sie weiterhin widerstandsgewillt
waren. Aber auch jetzt noch kam es immer wieder zu Fühlungnahmen
zwischen einzelnen lokalen Widerstandsstrukturen und außerdem sogar
zu Versuchen, diese gegebenenfalls wieder überregional zu vernetzen.
Das Wissen um solche brisanten Kontakte blieb nun jedoch in der Regel
auf die an solchen Aktivitäten unmittelbar beteiligten Spitzenfunktionäre
beschränkt. Dadurch ließ sich die Gefahr erheblich verringern,
dass die Gestapo - wie es vordem oft genug geschehen war - im Anschluss
an Einzelfestnahmen ganze Strukturbereiche mit jeweils recht zahlreichen
Oppositionellen aufrollen konnte. Ähnlich umsichtig verhielten sich
die bis dahin nicht enttarnten Reststrukturen des Widerstandes sozialdemokratisch
orientierter Gewerkschaftsorganisationen.
Geraume Zeit nach seiner Entlassung aus der KZ-Haft im Sommer 1934 machte
sich der sozialdemokratische Gewerkschaftsführer Wilhelm Leuschner[103]
daran, von Berlin aus ein schließlich im ganzen Deutschen Reich
weit verzweigtes informelles Kontaktnetz sozialdemokratisch-gewerkschaftlicher
Widerstandskräfte zu knüpfen. Seine Aktivitäten, die zunächst
vor allem im Zusammenhang mit der Illegalen Reichsleitung der Gewerkschaften[104]
standen, tarnte er seit 1936 geschickt als Geschäftsreisen für
seine Firma zur Herstellung von Armaturen, Bierzapfhähnen und ähnlichen
Produkten, in der zuvor bereits mehrere frühere Gewerkschafts- und
SPD-Funktionäre beschäftigt waren. Im Jahr darauf trat außerdem
Hermann Maaß, einst Geschäftsführer des Reichsausschusses
der deutschen Jugendverbände, als Prokurist in den Betrieb ein, um
künftig zugleich als einer von Leuschners wichtigsten Vertrauten
im Widerstand zu wirken. Schon 1936 und 1937 erarbeiteten Leuschner, der
christliche Gewerkschaftsführer Jakob Kaiser und Max Habermann von
der früheren Führungsspitze des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes
Denkschriften und Stellungnahmen, mit denen sie gegenüber den Militärs
Werner von Fritsch, Ludwig Beck, Friedrich Fromm und Friedrich Olbricht
die brutale und unwürdige Behandlung der Arbeiterschaft und der Juden
durch das NS-Regime anprangerten. Als 1938 durch antinazistische Kreise
aus Bürgertum und Militär erstmals eine gemeinsame Aktion gegen
Hitler erwogen wurde, war Leuschner bereits eingeweiht. Im folgenden Jahr
glaubten er und seine Mitstreiter sogar, im Anschluss an einen damals
erneut beabsichtigten Putsch den Generalstreik ausrufen zu können;
sie entsandten daher schon Emissäre in die wichtigsten Zentren der
sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Untergrundbewegung, um diese auf
das Vorhaben einzuschwören.[105]
Seit Anfang der 1940er Jahre wurde der Aufbau eines reichsweiten sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen
Vertrauensleutenetzes durch Leuschner und seine inzwischen gleichfalls
aus dem KZ entlassenen Parteifreunde Julius Leber, Carlo Mierendorff und
Theodor Haubach sowie etliche andere forciert betrieben. Auch diese zügig
erweiterte Widerstandsstruktur sollte erst nach einem erfolgreichen militärischen
Umsturzunternehmen aktiviert werden, um die Aktion sodann in demokratische
Bahnen zu lenken. Allerdings konnte infolge der ständigen Einberufungen
zur Wehrmacht fast nur noch auf ältere frühere Funktionsträger
aus Gewerkschaften und Partei zurückgegriffen werden. In nahezu allen
größeren und kleineren Städten, aber auch in zahlreichen
Ortschaften auf dem Lande standen bald erfahrene und zuverlässige
Vertrauensleute bereit, um in der Stunde X hervorzutreten. Zuvor hatten
diese dafür zu sorgen, das Kontaktnetz vor Ort jeweils personell
zu verbreitern. Außerdem hatte Leuschner inzwischen sein Konzept
einer "Deutschen Gewerkschaft" als Übergangslösung
für die Zeit nach Hitler ausgearbeitet: Diese sollte weitgehend die
Funktionen der faschistischen Zwangsgewerkschaft "Deutsche Arbeitsfront"
übernehmen und für die betriebliche wie überbetriebliche
Mitbestimmung, für Sozialpolitik, Arbeitsrecht und Arbeitsschutz,
für Sozial- und Arbeitslosenversicherung sowie die Arbeitsvermittlung
zuständig sein. Für die neun Abteilungen der Reichsleitung der
in dreizehn Industrieverbände gegliederten zentralistischen, dazu
parteipolitisch neutralen Gewerkschaftsorganisation waren ebenso schon
bewährte antinazistische Funktionäre ausersehen wie für
die zwölf Bezirkssekretariate. Der Bezirk Südwestdeutschland
hätte dabei in etwa das Gebiet der heutigen Bundesländer Hessen,
Rheinland-Pfalz und Saarland umfasst.
Die zwischen Leuschner, Leber sowie anderen sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen
Spitzenfunktionären bestehenden Kontakte zur Führungsebene der
bürgerlich-konservativen und militärischen Opposition um den
früheren Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler und Generaloberst
a.D. Ludwig Beck, vordem Generalstabschef des Heeres,[106]
waren die Grundvoraussetzung für das geplante gemeinsame Vorgehen
gegen den Diktator. 1941 wurde zudem die Verbindung des sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen
Untergrundes mit dem "Kreisauer Kreis" um Helmuth James Graf
von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg hergestellt. Im Sommer
1943 kam es zwischen Moltke und Leuschner freilich zum Zerwürfnis,
in dessen Folge sich Letzterer wieder zurückzog. Die sozialdemokratisch-gewerkschaftliche
Untergrundbewegung wurde in den Kreisauer Beratungen seitdem hauptsächlich
durch den früheren SPD-Reichstagsabgeordneten Julius Leber, aber
auch durch den einstigen Reichsbannerführer Theodor Haubach repräsentiert.
Beiden oblag darüber hinaus die Aufgabe, die Organisationsreste der
SPD im Reich neu zu formieren. Der für beide Bereiche der antinazistischen
Opposition nicht minder wichtige Carlo Mierendorff[107],
der Pfingsten 1943 seinen flammenden Aufruf zur "Sozialistischen
Aktion" als Neun-Punkte-Programm für eine "überparteiliche
Volksbewegung zur Rettung Deutschlands"[108]
formuliert hatte, kam Ende jenes Jahres bei einem Luftangriff auf Leipzig
ums Leben. Seit 1943/44 wurden zunehmend bis dahin weitgehend autonom
gebliebene bürgerliche Widerstandsgruppen[109],
ebenso die gleichfalls deutlich schwächer ausgeprägten konspirativen
Strukturen christlicher sowie liberaler Gewerkschafter und dazu noch verschiedene
protestantische, katholische, demokratische und liberale Einzelpersönlichkeiten
informell in das zivile Vertrauensleutenetz Leuschners und seiner Freunde
eingeklinkt. Gleichzeitig wurden für die einzelnen Wehrkreise so
genannte Politische Beauftragte sowie Unterbeauftragte bestimmt. Diese
sollten in der eigentlichen Umsturzphase über entsprechende Verbindungsoffiziere
beratenden Einfluss auf die Kommandeure der Stellvertretenden Generalkommandos
nehmen. Unmittelbar danach hätte den Politischen Beauftragten die
Funktion von Oberpräsidenten der ihnen zugewiesenen Landesteile zufallen
sollen. Im Bereich des Stellvertretenden Generalkommandos des Wehrkreises
XII Wiesbaden[110], zuständig
u.a. für das westliche Rhein-Main-Gebiet, Rheinhessen, die Pfalz
und das Saarland, sollte Leuschners enger Freund und Mitstreiter, der
ebenfalls in den "Kreisauer Kreis" involvierte frühere
hessische Staatsrat Ludwig Schwamb[111]
die Aufgabe des Politischen Beauftragten übernehmen. Als Unterbeauftragter,
d.h. als Stellvertreter Schwambs, war Bartholomäus Koßmann[112]
aus Saarbrücken eingesetzt, einst Reichstagsabgeordneter für
das Zentrum im Wahlkreis 21 Koblenz-Trier-Birkenfeld sowie Vorsitzender
der katholischen Bergarbeitergewerkschaft in Neunkirchen-Saar. Als Verbindungsoffizier
zwischen dem zivilen und dem militärischen Flügel der Fronde
im Wehrkreis XII sollte Hauptmann der Reserve Hermann Kaiser[113]
vom Oberkommando des Heeres fungieren, im Zivilberuf Studienrat an der
Wiesbadener Oranienschule. Bereits Ende 1943 und Anfang 1944 erfolgte
die Alarmierung der Politischen Beauftragten, obgleich der Anschlag auf
Hitler, durch den der Umsturz eingeleitet werden sollte, dann doch zunächst
ausblieb.
Nur zum Teil deckungsgleich mit jener Struktur, die sich an der geografischen
Ausdehnung der Wehrkreise ausrichtete, war die von Leuschner und seinen
Mitstreitern geschaffene zivile Widerstandsstruktur. Die Region zwischen
Kassel und Heidelberg war dabei offenbar einer der von ihnen am besten
organisierten Strukturbereiche überhaupt, der räumlich dem Bezirk
Südwestdeutschland der von Leuschner geplanten "Deutschen Gewerkschaft"
entsprochen haben dürfte. Er erstreckte sich auf den Wehrkreis XII
Wiesbaden und partiell auch auf den Wehrkreis IX Kassel, der ansonsten
noch das Gebiet des heutigen Bundeslandes Thüringen umfasste. Das
organisatorische Zentrum dieses zivilen Strukturbereichs befand sich im
Rhein-Main-Gebiet.[114] Dort und
in dessen Einzugsbereich verfügten Leuschner und etliche seiner wichtigsten
Mitstreiter aus der Zeit ihres politischen Handelns während der Weimarer
Republik noch immer über eine beträchtliche Zahl verlässlicher
und risikobereiter Freunde und Sympathisanten. So konnte Schwamb die politische
Leitung der Vertrauensleutestruktur südlich der Mainlinie dem früheren
Oppenheimer Landtags- und Reichstagsabgeordneten Jakob Steffan[115]
übertragen, der erst 1940 schwer lädiert aus dem KZ entlassen
worden war. Für die Organisierung des politischen Strukturbereichs
nördlich des Mains ließ sich der ehemalige Darmstädter
SPD-Stadtrat und Führer des dortigen ADGB Willi Richter[116]
gewinnen. Dieser wurde von seinem Freund Leuschner zugleich damit betraut,
den gewerkschaftlichen Widerstand im gesamten, also im nördlichen
wie im südlichen Strukturbereich zu formieren und anzuleiten. Die
regionale Zentrale des Vertrauensleutenetzes befand sich in Frankfurt.
Der Mainzer Stützpunkt beispielsweise wurde vom einstigen SPD-Landesparteisekretär
für Rheinhessen Alfred Freitag geleitet, der wiederum mit einer Gewerkschaftergruppe
um Anton Calujek, bis 1933 in Mainz Bezirksleiter des Einheitsverbandes
der Eisenbahner Deutschlands, sowie mit einem katholischen Widerstandskreis
um Ernst Doller zusammenarbeitete. Weitere Stützpunkte bestanden
in Wiesbaden, Offenbach, Hanau, Friedberg, Neu-Isenburg, Darmstadt, Bensheim,
Worms, Guntersblum, Oppenheim, Nierstein, Ingelheim, Bingen, Dolgesheim,
Alsheim und Nieder-Olm. Allein im Gebiet zwischen Rhein, Main und Neckar
sollen schätzungsweise eintausend Vertrauensleute zur Verfügung
gestanden haben, hinter denen sich noch ein weitaus größeres
Kontingent aktionsgewillter Gefolgsleute bereitgehalten haben soll.[117]
Da das Attentat Claus Graf Schenk von Stauffenbergs auf Hitler und das
anschließende militärische Umsturzunternehmen am 20. Juli 1944
fehlschlugen, wäre es glatter Selbstmord gewesen, wenn sich die zivilen
Widerstandskräfte trotzdem hervorgewagt hätten. Für sie
galt es nun, unter allen Umständen in Deckung zu bleiben, um für
die demokratische Reorganisation nach dem sich bereits deutlich abzeichnenden
Ende des NS-Regimes parat zu sein. Trotz schwerster Folterungen während
ihrer Verhöre gaben Wilhelm Leuschner und die mit ihm verhafteten
reichsweit wichtigsten Funktionäre jener Widerstandsstruktur, darunter
Ludwig Schwamb, keine wirklich relevanten Informationen preis und denunzierten
vor allem auch keine Mitstreiter aus der zweiten Reihe ihrer Phalanx.
Während sie selbst ihre Freiheitsliebe und Gesinnungstreue mit dem
Leben büßen mussten, schufen sie so gleichwohl die Voraussetzung
dafür, dass ihre nicht entdeckten Getreuen sich nach der Befreiung
vom Nazi-Joch für die Errichtung der zweiten Demokratie auf deutschem
Boden ins Zeug legen konnten: Jakob Steffan z.B. wirkte von 1946 bis 1949
als Innenminister sowie von 1949 bis 1950 als Sozialminister in Rheinland-Pfalz.
Und Willi Richter wurde 1949 Bundestagsabgeordneter und 1956 Vorsitzender
des DGB. Insofern ist das breite Widerstandsbündnis der Erhebung
vom "20. Juli" nicht ohne Nachhall geblieben, sondern gehört
im Rückblick vielmehr - wie der antinazistische Widerstand generell[118]
- zu den politischen Fundamenten unserer Demokratie.
[103] Leithäuser
(wie Anm. 9).
[104] Siehe vor
allem: Beier (wie Anm. 52); mit massiver Kritik nicht zuletzt hinsichtlich
Beiers Grundannahme eines Masseneinflusses jenes Gremiums von geradezu
gigantischem Ausmaß: Buschak (wie Anm. 52) S. 16 u. S. 207-211,
dort auch zur Rolle Leuschners im Zusammenhang mit dem "20. Juli":
S. 239-262; wesentlich differenzierter zur Illegalen Reichsleitung der
Gewerkschaften dagegen z.B.: Mielke, Frese (wie Anm. 52) Einleitung: S.
21-27 sowie Dokumente: 18-53.
[105] Hoffmann
(wie Anm. 62).
[106] Goerdeler
wie Beck waren 1937 bzw. 1938 aus ihren Funktionen ausgeschieden, weil
sie - aus jeweils unterschiedlichen Gründen - den Kurs der braunen
Machthaber nicht mehr mitzutragen gewillt gewesen waren.
[107] Albrecht
(wie Anm. 10); Amlung, Richter, Thied (wie Anm. 10).
[108] Das Programm
ist abgedruckt z.B. in: Albrecht (wie Anm. 10) S. 222 ff.
[109] So hat etwa Fabian von Schlabrendorff
- leider ohne Nennung von Orten und Namen - berichtet, dass er ab Herbst
1933 in Pommern und in Rheinhessen in zäher Kleinarbeit antinazistische
Zellen initiiert und "der Oppositionsbewegung eingegliedert"
habe, Ders.: Offiziere gegen Hitler. Neue, durchges. u. erw. Ausg. von
Walter Bußmann. Nach der Edition von Gero von Gaevernitz. Berlin
1984, S. 27. - Jedenfalls sollte nicht zuletzt auch auf solche, im Kern
zwar teilweise bereits lange vorhandenen, wenngleich im Laufe der Zeit
in ihrem personellen Kernbestand nicht selten beträchtlich ausgedünnten
Oppositionsgruppen sofort nach einem erfolgreichen Militärschlag
zurückgegriffen werden.
[110] Siehe hierzu:
Axel Ulrich: Der "20. Juli 1944" und seine Verbindungen nach
Wiesbaden, in: Peter Joachim Riedle (Hrsg.): Wiesbaden und der 20. Juli
1944. Beiträge von Gerhard Beier, Lothar Bembenek, Rolf Faber, Peter
M. Kaiser und Axel Ulrich. Hrsg.: Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden
- Stadtarchiv. Wiesbaden 1996 (Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, Bd.
5), S. 11-61.
[111] Arthur
Egon Bratu: Ludwig Schwamb, in: von Aretin (wie Anm. 61) S. 82-89; Anton
Maria Keim: Ludwig Schwamb und die Widerstandsbewegung im Rhein-Main-Gebiet,
in: Meyer, Berkessel (wie Anm. 3) S. 400-406; ebenso die biografische
Skizze in: Gerhard Beier: Wilhelm Leuschner und das Verbindungsnetz sozialistischer
Vertrauensleute in Hessen, in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 565-592,
hier: S. 570-575.
[112] Siehe das
biografische Porträt Koßmanns in: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard
Paul: Das zersplitterte Nein. Saarländer gegen Hitler. Widerstand
und Verweigerung im Saarland 1935-1945: Bd. 1. Hrsg.: Hans-Walter Herrmann.
Bonn 1989, S. 137-145; Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten
der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische
Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933-1945. Eine biographische
Dokumentation. Mit einem Forschungsbericht zur Verfolgung deutscher und
ausländischer Parlamentarier im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.
3., erhebl. erw. u. überarb. Aufl. Düsseldorf 1994 (Veröffentlichung
der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen
Parteien in Bonn), S. 263 f., Nr. 832.
[113] Siehe z.B.:
Ger van Roon: Hermann Kaiser und der deutsche Widerstand, in: Vierteljahrshefte
für Zeitgeschichte, 24. Jg., 1976, S. 259-286; Peter M. Kaiser: Über
Hermann Kaiser, in: Riedle (wie Anm. 110) S. 83-100; ebenso die Dokumentenauswahl
in: Bembenek, Ulrich (wie Anm. 14) S. 389-405 bzw. in: Riedle (wie Anm.
110) S. 254-269.
[114] Henk (wie
Anm. 60) S. 49 ff. u. S. 60 f.; Axel Ulrich: 20. Juli 1944 - Versuch eines
Militärputsches sowie einer politisch-sozialen Revolution. Verbindungen
zum politischen Widerstand im Rhein-Main-Gebiet, in: Meyer, Berkessel
(wie Anm. 3) S. 407-427; Keim (wie Anm. 111); Beier: Wilhelm Leuschner
und das Verbindungsnetz sozialistischer Vertrauensleute in Hessen (wie
Anm. 111); Walter Mühlhausen: Eine Denkschrift für Wilhelm Leuschner
- Ludwig Bergsträsser und die Widerstandsbewegung, in: Knigge-Tesche,
Ulrich (wie Anm. 2) S. 593-611; siehe dazu den Erinnerungsbericht: Willy
Knothe: Menschen und Aktionen um den 20. Juli! Zum Gedenken Wilhelm Leuschners!
[Juli 1951], erstmals abgedruckt im von Lothar Bembenek und Axel Ulrich
bearbeiteten Dokumentenanhang bei: Riedle (wie Anm. 110) S. 287-289.
[115] Schumacher
(wie Anm. 112) S. 495 f., Nr. 1537; Bernhard Simon: Die Abgeordneten der
1. Wahlperiode des rheinland-pfälzischen Landtages 18. Mai 1947 -
17. Mai 1951, in: Franz-Josef Heyen (Hrsg.): Rheinland-Pfalz entsteht.
Beiträge zu den Anfängen des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz
1945-1951. Eine Veröffentlichung aus Anlaß des Rheinland-Pfalz-Tages
1984. Boppard am Rhein 1984 (Veröffentlichungen der Kommission des
Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 5),
S. 127-183, hier: S. 176.
[116] Beier (wie
Anm. 64).
[117] Diese hohen
Zahlenangaben Emil Henks wurden durch die Widerstandsforschung immer wieder
angezweifelt. Es hat sich indes durch die Erschließung weiterer
Quellen gezeigt, dass tatsächlich weit über 500 Personen allein
im Rhein-Main-Gebiet in das Leuschner-Netzwerk einbezogen gewesen sein
müssen. - Siehe ergänzend den Bericht über meinen am 26.
Oktober 1994 im Rahmen der Mainzer Geschichtsabende gehaltenen Vortrag
über den 20. Juli 1944 und seine Verbindungen im Rhein-Main-Gebiet
mit weiteren Hinweisen u.a. auf die Leiter der diversen dortigen Leuschner-Stützpunkte,
in: Mainzer Geschichtsblätter. Veröffentlichungen des Vereins
für Sozialgeschichte Mainz. Heft 10: Zwischen Aufbruch und Krise:
Die Zwanziger Jahre. Mainz 1995/96, S. 199-201.
[118] Auch die
deutschen Kommunisten vertraten in der ersten Zeit nach der Befreiung
dezidiert radikaldemokratische Positionen, sodass sie damals vielfach
als akzeptable Gesprächspartner sogar für die westlichen Besatzungsmächte
sowie zum Teil auch für die sich rasch reorganisierende SPD und die
neu ins Leben gerufenen bürgerlichen Parteien galten. Allerdings
sorgte ihre mentale Fixierung auf Stalin und dessen "Vaterland aller
Werktätigen" dafür, dass sie sich schon sehr bald wieder
als verlängerter Arm Moskaus gerierten, womit sie sich als politischer
Partner im neu entstandenen demokratischen Parteiengefüge der westlichen
Besatzungszonen und dann auch der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig
diskreditierten
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